Viel Lärm um stumme Autor:innen
Regisseurin Anita Vulesica und Dramaturgien Lilly Busch haben den nicht minder aberwitzigen Versuch einer Dramatisierung des Textes unternommen und sind dabei bei einer amerikanischen Talkshow um das Jahr 1983 gelandet. Sieben durchgeknallte Akademiker werden in der Uraufführung am Deutschen Theater Berlin vom überdrehten Moderator Go Ho Go Missinger (Benjamin Lillie) hochtourig und extrem launig in eine öffentliche Sitzrunde geladen und zügig ins Gespräch gebracht: „Alles happening right now“. Auf der Retro-Bühne von Henrike Engel findet sich im Pseudo-Holzrahmen einer großen Uhr das ältere Autorenehepaar Johnson and Johnson (zwei Statisten), das vor einem zuweilen blinkenden Uhrpendel den aufgedrehten Diskussionen im Vordergrund mit stoischer Stille folgt.

Ein Statistiker (Bernd Moss) geht ins Detail. Foto: Eike Walkenhorst
Im Sitzkreis aus camping-stuhl ähnlichen Sitzmöbeln treffen schlüssig gezeichnete Typen aufeinander: Dr. Dr. Crawley (Katrija Lehmann) ist Kennerin von Pornografie und Holzmöbeln, Dr. Stanley (Frieder Langenberger) anfangs verhuschter, zunehmend hysterisch auftrumpfender naiver Humanist, Dr. Sharkey (Wiebke Mollenhauer) ausgeprägte Misanthropin, Dr. Wooley (Bernd Moss) kauziger Statistiker, der mit so voll gestopften wie hilflosen Schautafeln Ordnung in die Zahlenmasse zu bringen sucht. Dr. Aileen Dopamin Roger (Evamaria Salcher) hingegen begegnet der zunehmenden mentalen und seelischen Überforderung der Runde mit der Ausgabe von „allerlei Mittelchen und Mitteletten“ aus ihrer Minibar. Für den Kommerz ist Prof. B. J. Manhattan (Moritz Grove) zuständig, indem er zwischendurch an einem Klapptischchen mit Hilfe von Kassettenrekorder und Glöckchen irrwitzige Werbepausen einlegt.
Über-perfekte Komödie
Später wird dieser Uramerikaner als Dostojewski-Kenner den Wahnsinn als einzigen Ausweg aus der Bedrohung des Menschseins durch die Wissenschaft nennen. Die fast 120 Minuten von „Eine Minute der Menschheit“ konfrontieren das geistreiche Gedankenexperiment Lems mit teils alberner, oft schlau erdachter, immer aber bestens getimter Komödie. Damit unterhält Anita Vulesicas Inszenierung köstlich und entwickelt doch ein paar Längen, bis das Ensemble schließlich hinter der am Ende zu beiden Seiten geöffneten Uhr auf einer grell beleuchteten Showtreppe – oder einer Startbahn am Flughafen – in den dunklen Bühnenhintergrund verschwindet. Die Belebung des abstrakten Stoffes durch ausgewiesene Typen in einer Rateshow-Literaturrunde gelingt Regie, Bühne, Kostüm (Janina Brinkmann) und spielfreudigem Ensemble zuvor so perfekt, dass es auch in den eingestreuten Marthaleresken Liedern nicht dazu kommt, dass Brüche in dieser schrägen Retro-Zukunfts-Welt wirklich sichtbar würden. Der Spaß bleibt eher theoretisch als erschreckend ambivalente Bilanz einer prekären Spezies.

Prof. Manhattan (Moritz Grove) hängt durch. Foto: Eike Walkenhorst
