Die Zeit des Dokumentartheaters
1965 war die Zeit des Dokumentartheaters, in dem man eher berichtend große politische Themen, die die damalige Wohlstandsgesellschaft verdrängte, in die Öffentlichkeit brachte. Auch „Die Ermittlung“ wurde unter „Dokumentartheater“ verbucht, hatte da doch Peter Weiss aus Regalmetern von Protokollen seinen Stoff destilliert. Wenn er die Aussagen von annähernd 400 Zeugen auf neun konzentriert und er ihnen keine Namen gibt, während die Täter ihre Namen behalten, geht es um Erinnerungsarbeit. Genau dieser Punkt, dass es um keine Schuldzuweisungen, sondern um Erinnerungen geht, macht aus diesem Stück zu mehr als zu einem bloßen Dokument: Man muss sich dazu verhalten. Zumal Weiss zu einer besonderen Form greift, dem Oratorium, dabei auch den Spuren von Dantes „Göttlicher Komödie“ folgend. Denn das, was verhandelt wird, ist das „Inferno“, die „Hölle auf Erden“, wie auch das höllische Gelächter der Angeklagten in der Vorlage auf die Aussagen der Zeugen verdeutlicht.
In elf Gesängen, noch in jeweils drei Untergesänge aufgeteilt, gliedert Weiss seinen Stoff, der seit seiner Uraufführung immer mehr an Aktualität gewonnen hat. Angesichts der gegenwärtigen politischen Situation, dem Wiedererstarken des Faschismus, wird eine Aufführung immer wichtiger. Das hat auch Burkhard C. Kosminski am Schauspiel Stuttgart erkannt, wobei er sich für seine Inszenierung einen besonderen Ort ausgesucht hat: den Baden-Württembergischen Landtag. Das Publikum sitzt im Plenarsaal und auf den Besuchertribünen und starrt auf den Präsidiumspult und daneben der Regierungsbank. Dahinter dominiert das Wappen des Ländle den Raum, davor das Rednerpult: Parlaments- und Gerichtssaal verschwimmen zu einer merkwürdigen Einheit.
Spiel im Plenarsaal
Auf zwei Bildschirmen rechts und links sind beim Einlass Schauspieler:innen beim Schminken zu sehen, die anschließend unter Regenschirmen vom Schauspiel zum nahen Landtag laufen. Während der Vorstellung sieht man auf den Leinwänden von oben auf eine Schreibmaschine, die mit lautem Klappern der Tastatur die jeweiligen Szenen anzeigt. Kosminski hat sich entschieden, von den 11 „Gesängen“ der Vorlage, nur die ersten vier und den letzten zu übernehmen. Das erscheint sinnig, wird doch der Ablauf von den Selektionen an der Rampe, über die Beschreibung des Lagers und eines Folterinstruments bis hin zu den Feueröfen eindrücklich in der (fast) emotionslosen Sprache festgehalten. Die Inszenierung von Kosminski lädt ein, sich zu der Wahrheitssuche des Gerichts zu verhalten. Zugleich drängen sich in diesem Ambiente die Provokationen der AfD auf. Im Kopf entstehen merkwürdige Vermischungen.
Es agiert ein 17-köpfiges Ensemble. Nur Gabriele Hintermaier als manchmal ungläubig staunende Richterin, Sven Prietz als resignierender Ankläger und Christiane Roßbach als patriotische Anwältin haben durchgehende Rollen. Auf der Angeklagten-Bank überzeugt vor allem Gábor Biedermann als Boger, auf der Zeugen-Bank Katharina Hauter als Zeugin 5, wobei eine solche Hervorhebung ungerecht ist: Alle Beteiligten haben in ihrem Spiel wunderbare Momente. Was gelungen ist, ist eine für unsere politische Gegenwart wichtige Erzählung. Was Zweifel auslöst, ist die Wahl des Raums, dessen Bedeutung gegenwärtig bleibt. Und die Aufführung zu dem macht, was sie nicht sein sollte: ein Event.
