Vergewaltigung als Kriegswaffe
Brigitta Muntendorf ließ sich für ihr Stück von der amerikanischen Künstlerin Nancy Spero inspirieren, die in ihrer War Series (1966-70) die Verstrickungen von Gewalt, Sexualität und Macht darstellte. Künstlerisch verarbeitet wird die systematische Vergewaltigung von Frauen als Kriegswaffe somit auf einer höheren Ebene – nicht lediglich durch die Stimme der Kriegskorrespondentin am Beginn im Vorraum. Wir hören im dunkel-nebligen Hörtheater des Humboldt-Forums Textschnipsel. Sie differenzieren die Aspekte des verstörenden Themas: Dass Männer körperlich durchschnittlich stärker sind als Frauen und spätestens in Krisenzeiten zuverlässig dieses Recht des Stärkeren einfordern; dass vergewaltigte Frauen oft von ihren Familien verstoßen werden – und sich diese Kriegswaffe zur Spaltung einer Gesellschaft so als zusätzlich effektiv erweist.
All das wird in den eingespielten, teilweise gebrochen musikalisierten O-Tönen von Opfern und Experten deutlich – mehr rational als sinnlich. Am Beginn der Performance umgibt uns aus den Lautsprechern ein Geräusch wie von einem sinkenden Flugzeug. Samples von Stimmen werden dann auf verschiedene Art musikalisiert. Gegen Ende geben uns die Macher – Brigitta Muntendorf gemeinsam mit dem Co-Autoren Moritz Lobeck – vage Hoffnung durch eine verfremdete und verschnipselte vokale Version des chilenischen Protest-Lieds „El pueblo unido“.
Zuviel Absicht?
Die Komponistin, die „die Fragilität unserer technosozialen und soziopolitischen Realität“ erforscht, macht es sich da nicht leicht. Weil sie die Notwendigkeit sieht, das Thema umfassend anzugehen. Sie nähert sich ihm künstlerisch auf mehreren Ebenen zugleich, fast wissenschaftlich. Sie möchte sinnlich vermitteln durch das Zusammenwirken von Stimmen, Schreien, Lichtblitzen, Klängen, aber sie möchte auch keine verstörenden Gewaltszenen à la Illusionstheater. Muntendorf will die Universalität solcher Missstände in politischer Absicht herausstellen – eine Absicht, die stets stärker an den Verstand appelliert als an das Gefühl.
Es ist zuviel Absicht auf einmal, und es kommt im Erlebnis zu wenig dabei heraus. Man hört über 55 Minuten, was man auch in den Nachrichten hören kann, wenn auch ohne Verfremdung der Stimmen und kunstvoll-karger Illumination (Licht: Begoña Garcia Navas). Man verlässt die Aufführung mit dem vagen Gefühl, dass politisches Musiktheater, welches eigentlich ein ästhetisches Erfordernis der Zeit ist, irgendwie anders sein sollte – und im künstlerischen Erscheinungsbild mehr Dringlichkeit ausstrahlen muss.
