Sandra Fox hat für die Szenerie das Ambiente eines Supermarkts geschaffen – es geht ja um das Karfiolgeschäft (Gemüse). Gemalte Kulissen in unterschiedlicher Höhe dominieren den Raum. Manche sind an massive Podeste gebunden – ein kleines, in dem sich immer wieder Ui kauert, ein großes, in dem die Leichen wie von Dullfeet aufgebahrt erscheinen. Andere lassen sich wie Vorhänge hin- und herbewegen. Einkaufswägen und offene Konservendosen, aus denen geräuschvoll gelöffelt wird, sowie rote Plastiktüten, mit denen missliebige Mitbürger erstickt werden, genügen als Requisiten. Supermarkt als Ausdruck kapitalistischer Höchstnorm zu begreifen – gerade in Zeiten der Inflation – scheint auf der Hand zu liegen. Aber in Bezug auf die Vorgänge, die Brecht erzählt, fragwürdig: Sie werden in diesem Raum verkleinert.
Holzschnittartige Schauspielkunst
Um dem Publikum die Orientierung zu erleichtern, trägt das Ensemble Schilder mit den Rollennamen an ihrem Kostüm. Günther besetzt Arturo Ui mit Emma Schoepe. Roma mit Hannah Jaitner und Dogsborough mit Susanne Weckerle (also die Schlüsselrollen mit Frauen); Giri mit Andreas Guglielmetti und Givola mit Gilbert Mieroph (Goebbels und Göhring) mit älteren Schauspielkollegen. Beide – Giri und Givola – strahlen eine starke Ruhe aus. Sie führen die Morde schon aus, aber dezent im Hintergrund, gerundete Menschen, die nichts so schnell aus der Balance bringt. Da agieren die Frauen anders: Während Hannah Jaitner dem Roma (also Röhm, der alte Kamerad von Hitler, den diesen dann umbringen ließ) begeisterte Nuancen gibt und fast schwärmerisch die Freundschaft zu Ui lebt, wirkt Emma Schoepe wie eine Aufziehpuppe, die Vertrauen einfordert und wenn sie dieses nicht bekommt, mit hyperaktiven Bewegungen reagiert – wie ein Hampelmann.
Nach der Schauspielerszene, die sich in dieser Inszenierung auf eine billige Parodie theaterpädagogischer Übungen reduziert (im Original geht es um die Sprache politischer Rhetorik in der Rede des Antonius in „Julius Cäsar“ von Shakespeare), und einer neuen Perücke wirkt sie in ihren öffentlichen Auftritten überzeugender. Sobald es „privat“ wird, fällt sie in dieses hyperaktive Hampelmannverhalten zurück. Darüber hinaus lässt Günther die Rolle in der Männlichkeitsform. Behauptete Männlichkeit und hyperaktive Körperlichkeit geraten in Widerspruch. Durch diesen wird die Figur klein oder „verfremdeter“: umso vernichtender fällt das Urteil über die Gesellschaft aus, die diesen aufhaltsamen Aufstieg mitinszeniert.
„Wir sind Ui“ singt der Schlagerstar Ui. Sind wir nun alle Faschisten? Machtgierige, asoziale Leute, die über Leichen gehen? Oder Leute, die immer nur wegschauen? Damit aufhaltsame Aufstiege befördern? Die Botschaft in Tübingen bleibt zwiespältig. Oder erzählt die Inszenierung von Domenik Günther von der Verführungskraft der Schauspielkunst? Neben den schon genannten Spieler:innen führen in unterschiedlichen Rollen Stephan Weber, Rolf Kindermann, Konrad Mutschler, Dennis Junge und Justin Hibbeler, der einen Tag zuvor für einen erkrankten Kollegen eingesprungen ist, nur holzschnittartig ihre Schauspielkunst vor.
