Über insgesamt vier verschiedene Erzählstränge hinweg differenziert die Autorin sprachlich geschickt die verschiedenen Wahrnehmungsebenen heraus, die beim Anschauen, aber auch Drehen solcher Videos entstehen. Welche Macht hat der oder die Filmende eigentlich, den Fokus der Zusehenden zu lenken oder auch einzugreifen? Kontrastiert werden diese Schilderungen der öffentlich dokumentierten Geschehnisse mit zwei privaten Sequenzen: Einem Video von der privaten Weihnachtsjahr 1996, das sich eine inzwischen erwachsene Frau mit ihren Eltern anschaut und das eine grauenvolle, längst vergessene Tat zutage fördert, sowie mit einem inneren Film über Gladbeck-Rentfort, den Ausgangsort der Geiselnahme und zugleich Kindheitsort der Erzählerin.
Erinnerung und Identität
In Marlene Anna Schäfers Inszenierung werden diese Erzählstränge eng miteinander verwoben, was gleichermaßen logisch wie herausfordernd ist. Angesiedelt ist das Bühnengeschehen in einem 90er-Jahre-Wohnzimmer: Ledercouch, Zigaretten-Qualm, ein Plastik-Weihnachtsbaum und in der Ecke ein Spielzeugauto, das als Gladbeck-Miniatur fungiert (Bühne und Kostüme: Christin Treunert). Hier werden Sequenzen der verschiedenen Video-Erinnerungen entweder gespielt oder nachgesprochen. Manchmal wird auch gefilmt (natürlich mit einem Handy) und auf die Gaze projiziert: Wenn das Erzählerinnen-Ich einen gedanklichen Spaziergang unternimmt durch das Gladbecker Einkaufszentrum oder ein Interview mit einem der Entführer des Geiseldramas nachgestellt wird. Die monologisch geprägten Erzählebenen stark ineinander übergehen zu lassen, erscheint einerseits schlüssig. Andererseits wird es so schwerer, dem Wechsel der Perspektiven durchgehend zu folgen, obwohl die Schauspieler:innen sich offenkundig sattsam und konzentriert in ihre (wechselnden) Rollen eingefunden haben. Mario Frauenrath und Sjef Hendriks haben auch Gastauftritte, einer als Großvater der Familie, einer als Stimme aus dem Off. Doch welcher Figur gehört die Stimme aus Off, die zwischendurch spricht? Eine Zuordnung ist allenfalls ahnbar. Fragezeichen bilden sich über dem Nebel der Bühne. So richtig mag der Funke nicht überspringen, trotz der starken Thematik und des darstellerischen Engagements. Der Ablauf und Rhythmus des Erzählens, des Nachspielens und Filmens wiederholt sich szenisch bis hin zum Erwartbaren. Wird hier noch lustvoll gespielt – oder eher abgespult? Erst, als endlich die Handlung ihren Spannungshöhepunkt erreicht, kommt auf der Bühne wieder sichtbar Bewegung (und Regung) ins Spiel. Als klar wird, was an Weihnachten 1996 geschah – und vor allem, dass die Familie nicht nur weg-, sondern aktiv zusah und filmte –, als klar wird, welchen Schmerz ein Video konservieren und auslösen kann, da bricht sich ein Sturm der Gefühle in einem Monolog der Forderungen Bahn: keine Videos von Verstorbenen dürfe es mehr geben, keine Videoaufnahmen, kein Weihnachten! Tina Schorcht schreit und schreit diese Worte, immer lauer, zerlegt das Wohnzimmer und fordert zuguterletzt: absolute Teilnahmslosigkeit. Es ist noch mal ein sehr starker Moment zum Abschluss des Abends, der wichtige Fragen unserer Zeit stellt, aber womöglich noch größere Wirkungskraft hätte entfesseln können.
