Klischees und Plattitüden
Schon bis hierher unterlaufen Kressin nicht nur Schwulenklischees, wird in Mischa Spolianskys „Lila Lied“ Qual auf Moral gereimt, die im Gleichschritt marschiert. Der Titel des Stücks, „Liebe macht frei“, der Erinnerungen an den infamen Nazi-Spruch am KZ Auschwitz weckt, stammt vom Überlebenden Rudolf Brazda. Dass und wie viel die Handlung mit ihrer Region zu tun hat, erfahren die Zuschauer aber nur aus dem Programmheft und den anklagenden Texteinblendungen am Ende.
Was Brazda und nur wenige andere überlebt haben, zeigt Kressin nach der Pause in aller Brutalität: Der KZ-Himmel hängt voller Steine, die „Schutzhäftlinge“ sind barfuß und in (ziemlich adretter) Lagerkluft. Statt der authentischen rosa Winkel tragen die „175er“ judensterngelbe Armbinden. Seelische und körperliche Folter sind die Norm: Aus einem Blowjob wird eine Vergewaltigung, von der „Hoden-Folter“ hört man nur die Schreie. Die Herren in den Knobelbechern dagegen haben sich eingerichtet: SS-Mann Bloch ist Lagerkommandant, Hans, ebenfalls in SS-Uniform, hat die Seiten gewechselt und will nun Homosexuelle von ihrer „Krankheit“ heilen. Als de Nutti dabei draufgeht, tut es dem Mini-Mengele um das Material leid – aber nicht um den Menschen.
Wieder kommt Kressin nicht ohne Klischees aus: Der schwule Kapo schimpft die Häftlinge „Schwuchteln“ und ist sadistisch. Plattitüden wie „niemand ist von Grund auf böse“ beschädigen Stück und Anliegen. Dass der „Schwulen-Heiler“ Hans plötzlich Mitleid mit seinen Opfern haben soll, ist nicht glaubhaft. Doch vor allem die jungen Darsteller überzeugen in ihrer Angst, Rat- und Hilflosigkeit und der nie beantworteten Frage, was sie „falsch“ gemacht haben sollen. Einer der ergreifendsten Momente aber ist es, wenn Kurt (Manuel Struffolino) im KZ traurig-sehnend vom vergangenen Glück singt. Dazu senken sich zwischen die Steine am Bühnenhimmel Revuelampen – Zeichen glücklicherer Zeiten, die die meisten dieser Männer nicht mehr erlebt haben.
