Schillers überaus nuancierte und spannungsgeladene Studie über die Mechanismen patriarchaler Macht, unter der beide Königinnen leiden, skelettiert Kušej mit starken Strichen bis auf den Plot – und landet bei einem langatmigen Krimi ohne erhellende Tragik. Er verkleinert die Figuren zu eindimensionalen Typen, allen voran Itay Tirans Graf von Leicester mit Bierdose als schmierig-intriganter Liebhaber Elisabeths und Franz Pätzolds Mortimer als ungestümen Träumer, der Maria Stuart an den eigenen Haaren bis zum Röcheln würgt, ohne dass die Figuren ins Zusammenspiel kämen, ohne dass der Horror der Intrige glaubhaft spürbar würde.
Dabei sind es drastische Bilder, die Kušej entwirft, wenn etwa Bibiana Beglau als Elisabeth das Todesurteil für ihre Kon-trahentin gleichsam mit Blut unterzeichnet: Rot leuchten die Lettern ihres Namens auf den bloßen Rücken der fast stets präsenten nackten Heerschar. Eine kühl berechnende, bis ins Innerste um Haltung zugerichtete Herrscherin im weißen Hosenanzug (Kostüme: Heide Kastler). Doch als sie weinend zusammenbricht durch Leicesters Verrat, sich selbst tröstend beruhigt, indem sie sich die nackte Schulter streichelt und an den Hals des väterlichen Beraters Talbot (Oliver Nägele) wirft, da verrät die Regie auch noch die mit patriarchalen Machtstrukturen ringenden Frau und macht die Königin zum Kind. Und anstatt Maria Stuart in all ihren Ambivalenzen zu zeigen und ihre märtyrerhafte Selbstüberhöhung bei der Hinrichtung zu problematisieren, driftet sie bei Kušej in einen durch Nebelschwaden patheisch garnierten Wahn.
Am Ende steht Elisabeth im blutroten, langen Abendkleid wie ein historisches Standbild ihrer selbst einsam im Zentrum der Bühne und summt die ersten Töne von „God save the Queen“. Konzeptlos zerfällt eine Tragödie in lose Bilderschnipsel, ungeahnt bleibt die Brisanz von Schillers Königinnendrama, in dem erschreckend aktuell der Schein über die Realität triumphiert und egoistische Intrige die politische Wirklichkeit bestimmt.
