Doch nicht nur Brasch adelt dieses Eulenspiegel-Projekt – grandios ist darüber hinaus die Wieder-und Neu-, für die meisten aber sicher Erst-Begegnung mit einem quasi vergessenen Schriftsteller: mit Günther Weisenborn, 1902 im rheinischen Velbert geboren und 1969 in Berlin gestorben. Der Schriftsteller und Dramaturg mit Verbindungen zur Widerstandsgruppe Rote Kapelle schrieb in früher Nachkriegszeit (und mit viel agitatorischem Unterfutter für die frisch entstehende DDR) eine Eulenspiegel-Bearbeitung – die „Ballade vom Eulenspiegel, vom Federle und von der dicken Pompanne“. Die „dicke Pompanne“ darin ist eine Marketenderin wie Brechts „Mutter Courage“; bis in die Personenzeichnung hat Weisenborn das Vorbild beschworen – sein Eulenspiegel, der als Rumtreiber zur fahrenden Schauspieltruppe stößt, verfolgt von der Polizei und mit einer jungen Frau an der Seite, die Tochter oder Geliebte sein kann, kennt die dicke Pompanne mit der immer kampfbereiten Suppenkelle aus früheren Begegnungen – und ist damit sehr deutlich dem „Pfeifenpieter“ nachempfunden, dem holländischen Koch in Brechts Theater-Chronik um „Mutter Courage“. Und die schon etwas reifere Aktrice, die in den Proben die blutjunge „Julia“ spielen soll, ist unübersehbar eine Wiedergängerin von Brechts Lagerhure Yvette … und benimmt sich auch so.
Überhaupt steckt Weisenborns Till voller Courage – so sehr, dass die verstörenden „Streiche“ des aufrührerischen Narren Till (wie man ihn seit den spätmittelalterlichen Volksbüchern und, später, Charles de Costers „Ulenspiegel“-Roman kennt) nurmehr wie Zitate in die Story eingebunden sind. Die Schauspieltruppe ruft sie bei Bedarf immer mal wieder wie aus dem eigenen Repertoire ab: grobe kleine Späße, mit Sentenzen drin wie für die Klo-Wand – „Ich denke, also stink‘ ich.“ Feiner geht’s natürlich auch: „Ich denke, also spinn‘ ich!“
Till wird hier (und weitaus deutlicher als in Daniel Kehlmanns aktuellem „Tyll“-Roman) zum nicht so sehr prägenden Helden als vielmehr zu einer Art Katalysator für die Kämpfe der Zeit – wieder (wie bei Brechts „Courage“ die „Evangelischen“ und „Katholischen“ des Dreißigjährigen Krieges) stürmen hier Revoluzzer und Soldaten herein und bringen die Theatertruppe in Gefahr; letztlich soll (das klingt nach dem Weisenborn der Nachkriegszeit, blieb aber aktuell bis heute) noch die heruntergekommenste Kunst Position beziehen im Streit der Zeit.
Das ist ein wirklich rundum starker „Till“ in der Inszenierung vom langjährigen aufBruch-Regisseur Peter Atanassow – und der Ort spielt mit: die Freilichtbühne im Volkspark Jungfernheide, die den Namen von Gustav Böß trägt, Berlins Oberbürgermeister der 20er Jahre. Mitte dieses Jahrzehnts war sie damals als Naturbühne in Arena-Form für großes Publikum entworfen worden, seit den frühen 50er Jahren wurde sie wieder betrieben. In den 70er Jahren waren hier Hermann van Hartens „Freie Theateranstalten“ zu Hause – bis vor kurzem blieb das Areal lange ungenutzt und ist noch jetzt zu zwei Dritteln zugewuchert. Aber mitten im Wald zwitschern dessen Bewohner, den Tegeler Fluglärm vermisst niemand. Holger Syrbe, von Beginn an Bühnenbildner bei aufBruch, hat eine Art Feldlager mit allerlei Podien in den Sand und unter die Bäume gestellt, Schminktisch, Küchen-Kübel, Klohäuschen und ganz im Hintergrund ein Galgen inklusive.
So wird diese Begegnung mit dem alten „Till“ in jeder Hinsicht zum Ereignis. Bis Ende Juni wird gespielt. Und nicht nur Berlinerinnen und Berlinern sei der Besuch dringend empfohlen.
