Damit bestärkt er Hamlet in seinem Misstrauen seiner Umgebung und vor allem seines Onkels gegenüber, der nun der Mann seiner Mutter ist. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Hamlet schleift zunächst einen aufblasbaren Riesenelefanten auf die Bühne. Da steht er nun, der offenkundige Elefant im Raum, Hamlets erster Versuch, das Problem ins Blickfeld zu lenken: dass sein Onkel seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hat. Doch alle spielen nur fröhlich damit, veranstalten ein heiteres Elefanten-Stage-Diving bis hoch in den Rang. Borgmann findet leichte und beeindruckende Bilder für Hamlets Einsamkeit, für sein Nicht-Dazugehören, seine verzweifelten Versuche, den anderen die Wahrheit vor Augen zu führen. Er kann nicht vergessen, was geschehen ist. Hamlet lässt die Luft aus dem Elefanten, greift zu anderen Mitteln, dem Theaterspiel. Da werden die Schauspieler in Krankenbetten am Tropf hängend hineingefahren, um dann König-Vergiften im Park zu spielen.
Warum die Schauspieler halb tot darniederliegen? Sind das die Folgen des Lockdowns? Man weiß es nicht, man wird es nicht erfahren. Der zweite Teil dann findet zu keinerlei Stringenz mehr. Alles gerät gehörig aus den Fugen, nicht nur die Zeit. Borgmann verliert sich in einem Ausstattungstheater ohne Ziel und Sinn. Da wird getanzt, opernhaft gesungen, es gibt morbide Kunstprojektionen, Gummigeister aus der Kiste, LED-Skulpturen… Der Abend franst aus in eine mal klamaukige, mal kopflastige Nummernrevue. Von der Stringenz des ersten Teils bleibt nichts übrig, Borgmann versteigt sich in zu viele, unzusammenhängende Ideen. Was schade ist, denn Johannes Nußbaum gelingt es großartig, Hamlets Brüche sichtbar zu machen. Auch Linda Blümchen überzeugt als Ophelia, zeigt sie als eine facettenreiche junge Frau. Überhaupt hat man das Residenztheater-Ensemble selten so locker und verbindlich gesehen, so wenig distanziert.
