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Revolution, fast forward

Georg Büchner: Dantons Tod

SchauspielPremiere: Theater: Residenztheater
Regie: Sebastian Baumgarten   Foto: Sandra Then   
Fotos und Infos auf der Homepage des Theaters
Von Anne Fritsch am 31.10.2020

Das Theater in Zeiten von Corona pendelt zwischen zwei Extremen: der bewussten Reduktion und dem trotzigen So-viel-wie-möglich. Sebastian Baumgarten, der nun am Residenztheater Georg Büchners „Dantons Tod“ inszeniert hat, tendiert ohne Frage zu zweitem. Es ist die letzte Premiere vor der Zwangspause, eine Inszenierung, die eigentlich schon in der vergangenen Spielzeit Premiere hätte haben sollen. Vor der Sommerpause gab es nur eine Voraufführung, man wollte die Premiere nicht vor nur 200 Zuschauern spielen. Nun wünschte man sich, diese 200 wären möglich. Denn heute dürfen in Bayern gerade mal 50 Menschen im 880-Plätze starken Theater sitzen, ab Montag dann erstmal keiner mehr.

Büchners Drama spielt in der Französischen Revolution. Es ist aber keine Heldengeschichte über glorreiche Befreiungskämpfer. Büchner interessiert die Ambivalenz der Menschen. Er zeigt die dunkle Seite der Revolution, Gewalt, die mit Gewalt bekämpft wird, und zwei verfeindete Lager. Über allem steht die Grundfrage: „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ Auf jede These folgt eine Antithese, auf jeden Fort- ein Rückschritt. Ein universales Stück Menschheitsgeschichte, wenn man so will. Baumgarten will so und beginnt den Abend in einer naturnahen Vorzeit. Der fensterlose Plattenbau, den Thilo Reuther auf die Bühne gebaut hat, tut so, als wäre er ein Dschungel. Grün beleuchtet. Geräusche, wie man sie sich im Urwald vorstellt. Vögel. Irgendwelche Tiere. Im Nebel kriechen nun Gestalten in animalisch bedruckten Nacktanzügen aus den Ecken, schleichen vorsichtig herum. Der Mensch im Urzustand. Noch ist keine Revolution nötig. Bis einer ein altes Tonbandgerät findet, einen Knopf drückt. Fast forward geht es nun mitten in ein Großraumbüro, eine Redaktion, in der die Revolution getippt wird. Auf einmal ist es laut und hektisch.

Und das bleibt es. Zwischen den Szenen werden verfremdete Schwarz-Weiß-Videos von protestierenden Menschenmassen auf den Bühnenbau projiziert, man sieht Steine, die geworfen werden, und Panzer, die rollen. Baumgarten belässt es nicht bei der Französischen Revolution, er erzählt gewissermaßen eine Meta-Revolution, die Menschheitsgeschichte als Geschichte der Aufstände. Vorne am Plattenbau prangt die verwitterte Aufschrift „Banque Nationale“, wenn die Bühne sich dreht, leuchtet der Schriftzug „Republique“ auf. Zwischen diesen Polen, dem Geld und der Demokratie, schwebt später unter lauten Hubschraubergeräuschen kein geringerer als Lenin vom Himmel herab und kritisiert: „Ihr wolltet eure Feinde durch die Guillotine ausrotten. Gab es je einen größeren Irrsinn?“ Baumgarten, der meist Opern inszeniert, neigt auch hier zu großen Bildern. Wahrscheinlich ist so eine Revolution laut, verwirrend und chaotisch. Und das ist auch diese Inszenierung.

In zweieinhalb rastlosen Stunden wird mehr als deutlich, wie diese Revolution sich im Kreis dreht und sich selbst bekämpft. Die Freiheitskämpfer, die hier gezeigt werden, sehen vorsichtig formuliert nicht gut aus. Ihre Haare hängen in Strähnen von ihren Köpfen, sie sind Verwundete und scheinen schon unter den einen oder anderen Panzer gekommen zu sein. Zombies, Wiedergänger einer einst guten Idee, die sich selbst ad absurdum geführt hat. Danton, den Florian von Manteuffel dekadent und larmoyant spielt, klagt, wie traurig es sei, „dass wir alles machen wie Millionen vor uns“. Die Welt, sie dreht sich wie die Bühne im Kreis, auch wenn Danton sich in einem Akt der Verzweiflung dagegen stemmt, als könne er sie aufhalten. Als die Deputierten des Nationalkonvents um Danton im Gefängnis sitzen, singt Liliane Amuat als Gattin des Camille „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ von Christian Anders. Eine kleine Weile ist sie allein auf der Bühne, ein selten leiser Moment, singt ins Mikro, lässt sich erschöpft aufs Sofa sinken. Ihre Stimme aus dem Off singt weiter, als sie längst ihre Wut hinausschreit und die Kampfgeräusche wieder in voller Lautstärke dröhnen.

Das Ende des Dramas inszeniert Baumgarten als Stummfilm mit Zwischentiteln. Es ist nicht das Ende des Abends. Da kann er es sich nicht verkneifen, die Urmenschen vom Anfang in das rückseitige abgerockte Amphitheater zu setzen, wo sie einem Vortrag über Kunst und Revolution lauschen müssen. „Revolution ist die Konfrontation mit dem kulturellen Rückschritt in Verbindung mit dem technischen Fortschritt“, erklärt Thomas Lettow ihnen. Und: „Der Künstler ist kein Schöpfer, sondern ein Mittler zwischen Tradition und Gegenwart.“ Nun ja. Hier ist alles ein wenig zu ausgestellt und aufgeladen, um zwischen den Polen der Gegenwart vermitteln zu können.

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