Regisseur Benjamin Lazar, der 2014 in Karlsruhe die in der gleichen Saison wie „Tolomeo“ komponierte Händeloper „Riccardo Primo“ mit Kerzenlicht und barocken Gesten inszenierte, verstärkt diese somnambule Stimmung. Häufig sind, wenn jemand singt, auch die anderen mit auf der Bühne, liegen verkrümmt auf dem Boden oder schauen aus dem Fenster. Eine Hotellobby könnte das sein, die Adeline Caron gebaut hat, oder auch eine Nervenklinik. Im ersten Akt sind die Fenster noch blind – man ist ganz für sich in diesem abgeschlossenen, kühlen Raum, in dem die Bonsaibäume gefroren sind. Im zweiten wird der Blick frei auf das Meer, dessen Brandung direkt vor dem Fenster rauscht (Video: Yann Chapotel). Dieses Gefühl der Weite wird mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen variiert, was gut zu den Stimmungen von Händels Musik passt. Die Morgendämmerung schafft Hoffnung, ein Sonnenuntergang verklärt die Erinnerung. Das trägt die Figuren nicht immer, aber die Inszenierung lässt mit ihrer Offenheit, Leere und den zeitlosen Kostümen von Alain Blanchot auch Raum für die Musik entstehen, den das vorzügliche Solistenquintett füllt. Seleuces Gegenspielerin Elisa, die Tolomeo ebenfalls liebt, ist in der Interpretation Eléonore Pancrazis kühler, spektakulärer, aber auch eindimensionaler. Ihr leicht kehliger Stimmklang ist direkt und durchschlagend. Ihre gedrechselten Koloraturen werden zu faszinierenden Gefühlsausbrüchen. Auch Elisas Bruder, der in Seleuce verliebte Araspe, hat mit Morgan Pearse großes dramatisches Potential. Ganz sanft und lyrisch dagegen der chinesische Countertenor Meili Li, der als bekehrter Alessandro die Dinge zum Guten lenkt. Die anspruchsvollen Orchestervorspiele der Arien werden von den Deutschen Händel-Solisten auf den Punkt musiziert. Selbst in den höllisch schnellen Tempi, die Federico Maria Sardelli für die Wutarien wählt, werden die Streicher nicht aus der Kurve getragen.
Zur hochdramatischen Arie „Son qual rocca“, für die Jakub Józef Orlinksi seine Stimme härtet, bricht das digitale Meer über die Szenerie herein, bevor man für das Ende der Oper in einer Unterwasserwelt landet, zu der auch ein paar Quallen vom Schnürboden gelassen werden. Das wirkt dann doch etwas seltsam, zumal sich die Handlung weiter zuspitzt. Auch mit dem plötzlichen Happy End kann die Regie wenig anfangen. Dass Louise Kemény als Seleuce mit dem Lift aus der Unterbühne auftaucht, wirkt eher unfreiwillig komisch, zumal Lazar die bedeutungsschwere Bewegungschoreographie bis zum Ende beibehält. Musikalisch bleibt der umjubelte Abend aber dank Federico Maria Sardelli bis zum letzten Ton spannend – die Händelfestspiele haben gleich zu Beginn ihren ersten Höhepunkt.
