Was Hilling mit ihrem „Königsdrama in der medialen Gegenwart“ zu fassen versucht, ist allerdings weniger einfach zu bestimmen. Offenbar geht es der Autorin um die Implosion des Konstrukts aus Ich, Öffentlichkeit und medialem Bild. Mit flächigen, dialogischen und sentenzhaften Textformen kreist „Apeiron“ – der Titel bezieht sich auf einen Begriff des Vorsokratikers Anaximander, der damit das Unbegrenzte und Unbestimmte beschrieb – um den Zwang zur Individuation, die Verabsolutierung des Ichs, die Macht der Attraktion und den Sturz aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Regisseur Ludger Engels lässt den Abend mit einer strengen orthogonalen Choreographie beginnen. Die Darsteller haben rot gemalte Schläfen, Sibylle Wallums Kostüme asiatischen Touch. An der Bühnenkante fährt ein Gestell mit Scheinwerfer, Kamera und Nebelmaschine monoton hin und her, produziert Bilder, projiziert sie, vernebelt sie. Eine Maschine, die unablässig in Betrieb ist. Nach einem Chorvorspiel, das quasi den Ausgangspunkt der Ich-Bildung im Verhältnis zur Menge setzt, lässt der Schauspieler sein vielfach gebrochenes Ich aufmarschieren. In ihm streiten die Bitte um Aufmerksamkeit, eine Art Willkommenskultur für alle möglichen Bewunderer und totalitäre Selbstinspektion. Ganz anders dagegen die Unternehmerin (Lydia Stäubli) in ihrem altrosa Kostüm, die in der Begegnung mit anderen Urlaubsgästen und einem Masseur ihr Innerstes offenbart. „Madame“, wie sie bei Hilling heißt, erzählt von dem bereits durch den Reichtum – Klatten ist Großaktionärin bei BMW – verfestigten öffentlichen Bild, von der Leere und Einsamkeit, die sich der Erpresser zunutze machte. Sie verkriecht sich unter den Pullover des Schauspielers, strapaziert den Begriff des Vertrauens, fabuliert sich in eine Stellvertreterposition aller Frauen. Es ist viel Klischee in diesen porträthaften Umrissen, das letztlich auch die Regie nicht ganz aufbrechen kann.
Faszinierend dann die dritte Figur, der Politiker, der die Bezeichnung vom Königsdrama letztlich am überzeugendsten erfüllt. In einer Art Krönungsmantel aus einer Steppdecke wuselt Klaus Zmorek zwischen Bett, Barhocker und Wanne hin und her. Er ist ein Bruder im Geiste des Radikalindividualisten Max Stirner. Ich und Macht fallen quasi zusammen und lassen diesen Politiker abschätzig die Willfährigkeit der Bewunderer analysieren. Nietzsches Formulierung, dass die Konsequenz der Macht „das Einverleiben seines eigenen Bildes in fremden Stoff“ sei, wird hier paradigmatisch fassbar. Zugleich hat man es mit einem Getriebenen zu tun, sein Versuch, im Bett zu schlafen, scheitert sofort an der eigenen Nervosität. Ohne auf die Vergewaltigungsvorwürfe einzugehen, die Strauss-Kahn zu Fall brachten, gelingt Hilling hier ein eindrückliches Porträt zwischen der Hybris des Individuums, dem Rausch der Macht des Ichs, seinem Gerinnen im Bild und in der Depression. So genau das hier gesehen und von Ludger Engels auch ins Bild gesetzt ist: Seine Strategie der strikten Ästhetisierung hilft dem Stück von Anja Hilling nur zum Teil auf die Beine. Allzu vieles bleibt im Ungefähren, im Assoziativen hängen. Vielleicht täte dem Stück nach der ersten Bühnenberührung eine neuerliche Überarbeitung gut!
