Als Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger für die Stabilisierung seiner zweiten Nürnberger Saison ins eigene Erfolgs-Archiv griff und das weiterentwickelte Remake einer sechs Jahre zurückliegenden Mainzer Produktion von Peter Handkes frühem Stück „Kaspar“ ansetzte, war von Nobelpreisverleihung und den dadurch wieder ins öffentliche Bewusstsein schwappenden Kontroversen um die seltsame Dichterliebe zu einem offiziell verurteilten Kriegsverbrecher noch nichts zu ahnen. Gloger wollte einfach, wie er schon eine Saison vorher Eugène Ionesco demonstrativ an den Beginn seiner Amtszeit gesetzt hatte, die Wiedervorlage einstiger Bühnenstürmer im Verehrungs-Test weiterführen und dazu womöglich etwas Kulissenschiebung für die Lokalgeschichte versuchen. Eine „Reise durch die deutsche Geschichte“ konnte er sich in diesem Rahmen sogar vorstellen. Da kam die Aktualität dazwischen. Und, man kann es nicht anders sagen, der Regisseur hat mit vollem Risiko reagiert, die Tür für sein Konzept für kräftige Windstöße geöffnet und die Akzente seiner Inszenierung energisch verschoben. Über Kaspar Hauser, den Selbstauflöser, erfährt der Zuschauer dabei nicht mehr als sonst, über Peter Handke, den Wortbetrunkenen, aber ziemlich viel. Es ist eine Aufführung mit Witz und Biss und Haltung, bestens geeignet für eine weitere Runde an Kontroversen.
Die drei Spielfiguren, die in gleitendem Wechsel die Rollenangebote greifen (großartige Komödianten mit ätzender Tiefenschärfe: Janning Kahnert, Felix Mühlen, Maximilian Pulst), schwärmen in Judith Oswalds süffisant modellierten Bühnenräumen solistisch aus, werden vereinigt zur Dichter-Dreifaltigkeit, sind attackierende Ein- oder Neinsager und bäumen sich auf zu personifizierten Multiplikationen schemenhafter Eindrücke. Ihre Sprachartistik, die zirkusreif an morschen Begriffen emporschwingt, ist das Kontrastprogramm zu den frisch gepflückten Zitaten, mit denen der Regisseur den Dichter gnadenlos an seinem Werk misst. Der adaptierte O-Ton bodenständiger Trotz-Interviews jüngster Vergangenheit unterminiert die abgehobene Poesie des zeitlosen Kunstwerks, ohne es zu beschädigen. In den Welten, die dazwischen liegen, kann man noch so manchen Spielplan entwickeln.
Am Nachmittag nach der Club-Niederlage im Max-Morlock-Stadion gab es am Samstag ein Pfeifkonzert, am Abend beim Theater-Sieg im Schauspielhaus am Richard-Wagner-Platz dagegen einhelligen Beifall.
