„Lullaby Experience“ steht also im Prinzip jedem – Kindern und Erwachsenen – auf der ganzen Welt offen. Dusapins These und die seiner Mitstreiter lautet, dass jeder ein Lied oder eine Melodie in sich trägt, die seine Kindheit definiert. Oft ist dieses Lied von der Zeit in der Erinnerung jedoch verändert. Kommuniziert wurde das Projekt weltweit über die Goethe-Institute, der Rücklauf war enorm: Nicht weniger als 600 Einsendungen von selbst aufgenommenen Liedern sind zusammengekommen und es wird weiter gesammelt. (Im Juni kommt die Produktion in Paris heraus und wird dann verändert erklingen.) Die Aufnahmen werden von Pascal Dusapin eingespeist, genutzt, transformiert und zusammengesetzt.
Doch damit nicht genug. Nach 30 Minuten Wiegenlied-Klängen aus den Lautsprechern kommt ein reflektierender Live-Act hinzu: Zu den 64 Lautsprechern gesellen sich zwölf Musiker des Ensemble Modern, um für etwa 45 Minuten mit der Klanginstallation live improvisierend als Reflex und Kommentar (in einem festgelegten Rahmen freilich) zu interagieren. Die Musiker sind zusätzlich verkabelt, so dass die Live-Klänge teilweise ebenfalls durch die Lautsprecher geschickt und verfremdet werden.
Klingt kompliziert? Ja und nein. Die Szenerie, in der die weitgehend stummen Figuren von Regisseur Claus Guth dezent, aber stets mit expressiver Überhöhung inszeniert sind, erschließt sich aus der Logik kindlicher Träume mittels ihrer zwar klischeelastigen, aber doch atmosphärisch äußerst dichten Bilder. Zwischendurch wird das Publikum in das riesige Bett gebeten, das tatsächlich allen Platz bietet. Eine Handlung im eigentlichen Sinne ist nicht auszumachen, aber das wäre angesichts der die Zeitlichkeit außer Kraft setzenden Klänge auch widersinnig.
Der französische Komponist Pascal Dusapin gilt als einer der bedeutendsten lebenden Komponisten Frankreichs und ist bislang vor allem mit Opern und Kammermusik-Werken aufgefallen, sein Werk gilt als eigenwillig und so recht keiner der gültigen „Schulen“ zuzuordnen. Dusapin ist der große Außenseiter der französischen Gegenwarts-Komponisten, sein impressionistisches Kolorit erinnert zuweilen irritierend an seinen Landsmann Claude Debussy, aber Dusapins Zeitmaß ist ungleich gedehnter. Und immer wieder zelebriert er das Kommen der Klänge aus dem Nichts und ihr Verschweben wieder ins Nichts. So auch hier.
Nach knapp 80 Minuten, in denen das musikalische und szenische Geschehen immer wieder zu verlöschen scheint, die Wiegenlied-Stimmen sich bis auf eine ausdünnen und wieder in Wasserplätschern übergehen und die Live-Musiker drei mal auf-und abtreten, verlöscht das Licht schließlich endgültig. Fazit: Eine musikalisch suggestive Klanginstallation mit einer gewissen Restsüße, die sich szenisch zwar manchmal gefährlich dem Kitsch nähert, sich aber doch kongenial zur Klangspur verhält.
