Wellblechwände und sieben Marimbas säumen die Bühne des Theater Marl. Der Abend beginnt nach einer Ouvertüre mit der ersten Gewalterfahrung für den jungen Asad. Seine Mutter wird am Ende des somalischen Bürgerkrieg 1991 von Milizen, die Diktator Siad Barre vertreiben, erschossen. Ein mit Packpapier bespannter Türrahmen, ein paar Papp-MGs reichen, um daraus eine brutale Szene zu machen, die in ein bewegendes chorisches Lamento überführt wird. Gewalt wird zu einer permanenten Sozialisierungserfahrung, die sich durch das ganze Stück hindurchzieht. Nach dem Mord beginnt Asads große Odyssee. Er trifft seine Cousine Yindy (Paulina Malefane), pflegt sie, als sie in Clanstreitigkeiten schwer verletzt wird, flüchtet mit ihr nach Kenia, muss aber zurückbleiben, als sie ein Visum für die USA bekommt. In Äthiopien wird er von Rooda in die Gepflogenheiten des Handels eingeführt, steigt zum Klein-Unternehmer mit Truck auf und heiraten Foosiya (Cikizwa Rolomana), die zunächst stolz von den USA und Europa träumt. Doch so sehr die individuellen Beziehungen funktionieren mögen, wie ein roter Faden ziehen sich die Rassismen zwischen Somaliern, Äthiopiern oder Südafrikanern durch das Stück. Und selbst auf der Ebene des Clans kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen, die wiederum eng mit der Kolonialgeschichte zusammenhängen. Das eines der zentralen musikalischen Leitmotive sich mit der Aufzählung der Clannamen verbindet, wirkt dabei fast schon sarkastisch.
Die Produktion überzeugt vor allem durch ihre kongeniale Verbindung von Musik und Szene, Dialogen und Gesang, für die es im europäischen Theater keine Entsprechung gibt. Die Komponisten Mandisi Dyantyis und Paulina Malefane bedienen sich dabei virtuos aus dem gesamten Fundus von afrikanischer bis europäischer Musik, galoppieren in der Szene von Asads Grenzübertritten durch die Musikstile Tansanias, Kenias und Zimbabwes oder lassen europäische Kunstmusik in Arien, Chor- und Tanzsätzen anklingen. Was auf musikalischer Ebene gelingt, lässt auf inhaltlicher Ebene eher zu wünschen übrig.
Die Regie erzählt die Geschichte von Asad, der von den vier Darstellern Ayanda Siyabonga Tikolo, Thandolwethu Mzembe, Zoleka Mpotsha, Siphosethu Juta verkörpert wird, zwar als eine Coming-of-age-Geschichte der Demoralisierung. Doch der Zwiespalt zwischen Asads naiver Hoffnung und Gutgläubigkeit und seiner eigenen Prägung durch seine Clanzugehörigkeit wird nicht als charakterlicher Zwiespalt ausgedeutet. Der Abend folgt zwar seiner Hauptfigur, die sie sich immer wieder eine berufliche und private Existenz aufzubauen versucht. Doch vor allem im zweiten, südafrikanischen Teil wird Asads Irrfahrt eher zum Lackmusstreifen, an dem die Probleme des Landes sichtbar gemacht werden: Die verwirrende Mischung aus nationalistischen und Clan-Rassismen, die von der Polizei gedeckten Morde und Anschläge, die Verstoßung von Frauen, die die Ehre der Familie verletzt haben sollen. Am Ende erhält Asad endlich das ersehnte Visum für die USA – dass er dort glücklich wird, darf man bezweifeln.
