Die vor allem als Sprungbrett gedachte Materialschau beeindruckt auf vielen Ebenen. Man dringt ein in Ingolfs Leben, ob man will oder nicht, glaubt fast zu riechen, wie es stinkt in der vom Kettenraucher bewohnten Ein-Zimmer-Wohnung mit der Nummer 501 irgendwo in Berlin-Mitte. Man sieht ihm zu, wie er Motorroller fährt, wie er freihändig ohne Auflage virtuos Brot schneidet, wie er sich löslichen Kaffee bereitet und sich Gemüsegurken aufs Butterbrot legt, wie er abends lange zur Kneipe geht, etwas trinkt und sich auf den Rückweg macht. Und wie er bastelt. Das tut er hauptsächlich. Sich abarbeiten an alten Platinen und Radioresten. Fehler finden. Klang erzeugen und restaurieren. Durch die Ritzen dieser erfüllten und egozentrischen Selbstgewissheit lugt Einsamkeit. Und dazu machen unerbittlich Uhren und kinetische Skulpturen ihre gleichförmigen Geräusche in der kleinen Wohnung.
Und die Oper? Die soll archaisch sein, laut Ingolf, und spektakulär. „Zur Not Feuerschlucker auf der Bühne“. Kinderstimmen findet er wichtig und Volkslieder. Da verstehe man den Text. Es soll viel passieren. Am besten vor dem Theater. Man müsse eine Situation schaffen, in der jeder kommen und gehen kann, wie er will – und machen kann, was er will, zusehen oder essen. Die „Irrfahrten des Odysseus“ sind ein Stoff nach seinem Geschmack. Immer wieder spricht er von den Sirenengesängen, für ihn vor allem abstrakte Klangschönheit. Und von Trautonium und Theremin, frühen elektronischen Instrumenten, die für ihn diese Schönheit erzeugen könnten. Am Abend führt er vor, wie sich das anfühlen könnte, mit Selbstgebautem. Die eigenwilligen und einnehmenden Klangkaskaden werden übermalt von Hannes Seidls Musik, die den Film vorher begleitet, fast im Wortsinn vertont hat und hier die Führung übernimmt, gültig eine Reflexionsebene einzieht.
Das im Entstehen begriffene Musiktheater wird sich kaum nach Ingolf Haedickes Vorstellungen ausrichten. Und er selbst wiederum lehnt die Musik und Ästhetik Seidls und Kötters kategorisch ab. Was entsteht, wird also aus diesem Antagonismus entstehen, den offenbar alle Beteiligten hemmungslos und vor allem unverkrampft genießen. Auch das ist etwas Neues. Den Materialfortschritt begutachten kann man das nächste Mal am 4. September, im kleinen Haus des MIR.
