Der langsame charmante Beginn weckt Assoziationen an die schwerelose Melancholie eines Christoph Marthaler oder das berserkerhafte Augenzwinkern von Federico Fellinis „Orchesterprobe“. Im Folgenden entspinnt sich eine musikalisch grundierte und gespiegelte, nie dekorierte oder illustrierte Vater-Sohn-Geschichte. Der Vater stirbt oder ist bereits tot. Der Sohn hat Angst davor, will nicht akzeptieren, versucht zu verarbeiten. Immer wieder kommt es zu merkwürdigen Verwandlungen, wird einer Baum, Vogel oder Maskenmensch mit vielen Gesichtern, öffnen sich Dialektik-Felder, weitet sich die intime Thematik durch im Zuschauerkopf entstehende, auch schon mal in einer esoterischen Sackgasse endende Assoziationsketten momentweise zum Welttheater.
Dass man Lust hat, sich einzulassen, liegt an der abwechslungs- und vor allem klangfarbenreichen Musik von Liza Lim, die Cluster und Naturgeräusche, feinste Melodik und bizarrste Dissonanzen zu einer sehr eigenen Sound-Mixtur zusammenfügt. Es liegt an der klaren, sehr konzentrierten Bewegungsregie Massimo Furlans, der die Langsamkeit eingeschrieben ist. Die Bilder entstehen lange und sie bleiben lange stehen. Auch sie fallen manchmal ins Leere, aber das scheint, fast zwingend, Teil des theatralischen Konzeptes zu sein. Vor allem aber garantieren die Darsteller den Erfolg des Abends. Vier stumme Schauspieler liefern skurrile aber nie aufdringliche Typenstudien passgenau ab. Die Sopranistin Emily Hindrichs erfüllt die Rolle des Objekts der Begierde mit wunderbar entspanntem Gesang, der durchaus rauchig-laszives haben kann, aber immer fast verführerisch schön bleibt. Christian Miedl als Sohn verrutscht trotz gewaltigen Tonumfangs nicht eine Phrase und sein glaubhaftes, intensives Spiel veranschaulicht seine Qual geradezu paradigmatisch. Eigentlicher Protagonist des Abends ist dennoch das Ensemble Musikfabrik. Die 17 Musiker sind das Forscherteam, spielen alle die merkwürdigen und konventionellen Instrumente, brillieren auch in kleinen Gesangsrollen und zum Ende hin mit wunderbaren A-Cappella-Chören. Und haben Spaß dabei. Und der vermittelt sich.
Es ist zu wünschen, dass diese in jeder Hinsicht ungewöhnliche Literaturoper Nachspieler findet. Raum für eine weitere, diesmal szenische Überschreibung bietet Liza Lims Komposition in jedem Fall. Ob sich allerdings beispielsweise jemand finden lässt, der die Subkontrabassflöte so virtuos zu bedienen versteht wie Liz Hirst, steht durchaus in Frage.
