Als der Roman 1968 erschien, erregte er riesiges Aufsehen. Anhand dieser konkreten Geschichte im Kleinkosmos Rugbüll machte Siegfried Lenz greifbar, wie Faschismus die Menschen verändert. Angegriffen wurde der Text, weil die Figur des Malers Nansen eindeutig auf Emil Nolde anspielt, der aber ein Anhänger der Nationalsozialisten war. Doch das ist Kleinkrämerei. Wenn man die „Deutschstunde“ als Werk der Fiktion begreift, hat sie nicht nur weiterhin Geltung, sondern durch die Erfolge der AfD fiese Aktualität bekommen.
Bernadette Sonnenbichler bringt den Roman mit der Feinfühligkeit und Präzision auf die Bühne, die schon ihre grandiose Inszenierung von Bulgakows „Der Meister und Margarita“ in Aachen auszeichnete. Aus dem Erzählchor heraus schälen sich die handelnden Personen, und aus dem epischen Grundansatz entstehen packende, psychologische Szenen. Vor allem Karsten Meyer als Dorfpolizist und Rainer Krause als Maler Hansen schaffen subtile Charakterzeichnungen, die keinen Gut-Böse-Schemata folgen. Auch wenn man den engstirnigen Jepsen oft an die Wand klatschen möchte, bleibt er doch ein verrannter Kleinbürger, der nicht aus dem selbst auferlegten Zwang der Pflichterfüllung heraus kommt.
Malcolm Kemp hat eine feine, fast subkutane Bühnenmusik komponiert, die auf sanfte Weise zwingende Stimmungen schafft. Und Norbert Bellens Bühne birgt manche Überraschungen, der graue Kasten hat Öffnungen. Ruhig, unspektakulär, mit nie nachlassender Spannung folgt die Inszenierung der Geschichte und denkt gleichzeitig darüber nach. Bernadette Sonnenbichler gelingt es, Erzähltheater mit diskursiver Offenheit zu verbinden. Sie fordert ihr Publikum, bleibt aber stets auf Augenhöhe. Ein sehr gelungener Abend.
