Auch wenn Zurab Zurabishvili als Éléazar stimmlich vor allem in der ersten Hälfte des klugen, emotional bewegenden Opernabends immer wieder an Grenzen kommt, bietet der Georgier ein packendes Rollenporträt des ganz im jüdischen Glauben verwurzelten Vaters, der hin- und hergerissen ist zwischen der Liebe zu seiner Pflegetochter Rachel und dem Hass auf alle Christen. Das Mädchen hatte er einst beim Brand im Hause des römischen Beamten Brogny gerettet, der seine beiden Söhne wegen Ketzerei zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt hatte. Dass nun Brogny (mit kantablem, in der Tiefe etwas brüchigen Bass: Sung Ha), inzwischen Kardinal und Leiter des Konstanzer Konzils, am Ende der Oper mit der von Éléazar jüdisch erzogenen Rachel seine eigene Tochter zum Tod verurteilt, ist der schärfste Stachel der dramatischen Geschichte.
Aber es schmerzt auch, wenn dieser gebrochene, verhärmte Éléazar seine Arie „Rachel, quand du Seigneur“ mit großer Inbrunst mitten im Parkett singt und vom Chor auf der Bühne ausgelacht wird. Nach Startschwierigkeiten findet das Orchester des Nationaltheaters Mannheim unter der Leitung von Alois Seidlmeier zu einer durchaus klangsinnlichen Interpretation, die gerade in den Holzbläsern und tiefen Streichern viel Wärme entfaltet. Die großen, nicht immer ganz intonationsrein gesungenen Chorsätze haben Wucht (Einstudierung: Francesco Damiani). Joachim Goltz ist als Konstanzer Bürgermeister Ruggiero mit seinem kernigen Bariton ein gefährlicher Stimmungsmacher. Estelle Kruger zeigt als Prinzessin Eudoxie viele Facetten und versöhnt sich in einer bezaubernden Szene mit ihrer Rivalin Rachel. Diese liebt Eudoxies Ehemann Léopold, der sich ihr gegenüber als Jude ausgegeben hat. Als Rachel von ihm die Wahrheit über seinen Glauben erfährt, steht er auf der Bühne und sie im Zuschauerraum. Die von Juhan Tralla mit leuchtendem Tenor vorgebrachten Entschuldigungsversuche werden von Astrid Kessler trocken kommentiert („Ach so, alles vergessen, das ist aber peinlich“), ehe sie mit ihrem lyrischen, wunderbar geführten Sopran um ihre Ehre kämpft. Kesslers hochexpressiver Gesang und ihre darstellerische Präsenz gehen unter die Haut. Auch Rahels Radikalisierung nimmt man ihr ab, wenn sie sich dem Volk im dritten Akt als Selbstmordattentäterin zeigt.
Zum Aktende stellen sich Chor und Solisten in zwei Reihen an einem langen Tisch auf und fabrizieren zum Rhythmus der Musik neue Sprengstoffgürtel. Jetzt tragen alle bunte Handschuhe. Fanatismus ist überall.
