Nun könnte man den Bezug zur Geschichte der kolonialen Expansion Europas als deutlichen Wegweiser für die Szene in Richtung Mexico-Folklore verstehen. Und kräftig in den entsprechenden Bilder-Vorrat langen. Es gibt tatsächlich einen mexikanischen Teppich im IKEA-Wohnzimmer, eine Flasche Tequila im Regal und ein Bild von Frida Kahlo überm Sofa. Aber das ist bei Ausstatter Johannes Leiacker nicht mehr als ein ironisches Augenzwinkern. Regie-Altmeister Peter Konwitschny folgt nur indirekt dem Reiseführer in Richtung Neue Welt, um dort dem Zusammenprall mit den Eroberern aus der Alten zu untersuchen. Das moderne gutbürgerliche Wohnzimmer mit den versprengten Mexico-Interieurs schwebt über einem gigantischen, die ganze Bühne ausfüllenden Autofriedhof. Das ist natürlich ein politisches Statement.
Aber dann macht Konwitschny, was er in seinen besten Arbeiten immer gemacht hat. Er sucht nach den patriarchalischen Überformungen des Menschlichen. Nach dem Verhältnis der Geschlechter, das von männlicher Machtausübung seiner Entfalungsmöglichkeiten beraubt wird. Er findet bei Rihm eine so eindeutige Reise-Vorlage, weg von aller Mexicofolklore, die selbst den Komponisten verblüffte. Bei dem ist nämlich Montezuma eine Sopranistin, für die Angela Denoke die Idealbesetzung ist. Cortez ist ein Bariton, den wiederum Bo Skovhus mit jeder Faser überzeugend ausfüllt. Und so erleben wir die vom militant Zerstörerischen der europäischen Expansion inspirierte Konstellation zwar der Form nach auf die Szenen einer Ehe reduziert, aber zugleich in einen größeren, exemplarischen Zusammenhang gespiegelt.
Er kommt mit roten Rosen zu ihr. Wirbt, überwältigt sie. Sie lässt sich auf ihn ein. Bald brechen männlicher Eroberungswillen durch und Konflikte auf. Die beiden weiblichen Solostimmen eilen als Unterstützung aus dem Graben herbei. Er protzt mit einem knallroten Luxus-Cabrio. Männliche Erobererhorden im Anzug stürmen aus dem Zuschauerraum auf die Bühne und fallen wie wildgeworden über die Frauen her. Nicht nur Metzmacher, auch Konwitschny erobert den ganzen Raum. Sie wiederum hält bei einem Streifzug durch die Reihen auch den Zuschauern die Fixierung aufs Gold vor und gibt vor den Männern mit dem Aufmarsch weiblicher Reize an. Konwitschny ist mit seinem klug durchdachten und passgenau aus der Musik entwickelten Totaltheater (wie schon bei seiner „La Juive“-Inszenierung vor kurzem in Gent) in alter Hochform. Mit erstaunlich viel Witz. Wie bei der Geburt des Virtuellen, bei dem die Frau eine Kollektion von Smartphones und Laptops gebiert. Das ist der Auftakt für eine von fettfilm beigesteuerte Bilderflut von War-Games, in die sich Cortez so hineinziehen lässt, dass er gar nicht merkt, wie ihm seine Frau abhanden kommt und nur noch eine leere Hülle zurücklässt, über die er sich dann hermacht. Das wirkt weder aufgesetzt noch albern, sondern gerade so, als könnte es nicht anders sein.
Erstaunlich nur (und einziger Wermutstropfen), dass sich der Regisseur auf eine Pause eingelassen hat, was den aufgebauten Spannungsbogen unterbricht. Am Ende ist das A-cappella-Duett der beiden längst Toten auf dem Sofa im Dunkeln ein Verlöschen. Oder doch ein Funken Hoffnung? Man weiß es nicht. Wolfgang Rihm und auch Ingo Metzmacher sind feste Salzburger Größen. Auch wenn Peter Konwitschny reichlich spät und von seinem alten künstlerischen Partner Ingo Metzmacher angeregt nur als Ersatz für Luc Body zu seinem Salzburgdebüt kam, so war auch er ein Glücksfall für diesen Festspielauftakt. Alles was noch kommt, wird es schwer haben da mitzuhalten.
