Irgendwie drängt sich an diesem Abend auch das Bild von gestrandeten Flüchtlingen in einer Turnhalle auf. Auf bunte Lichtbebilderung wird gänzlich verzichtet. Stattdessen werden Schlafmasken am Eingang verteilt, um mit geschlossenen Augen das Hörerlebnis verstärken können. Viele haben sie auch aufgezogen und machen es sich bequem. Das sieht fast lagemäßig aus. Plastikwasserflaschen liegen unter den Stühlen als Trinkration bereit. Die zweieinviertel Stunden laufen ohne Pause durch. Bis das Abenddunkel sich auch ganz natürlich in die Halle senkt. Das hat etwas Nüchternes. Und fokussiert einmal mehr auf das Hören. Und darauf kommt es an! Und ob mit oder ohne Augenbinde, dieser Prometeo bietet ein Hörererlebnis der besonderen Art. Die Aufführungsqualität ist grandios. Die Solisten Aki Hashimoto und Christina Daletska, die Altistinnen Tara Venditti und Annette Schönmüller sowie der Tenor Mineseok Kim händeln perfekt die Mikrointervalle. Ebenso wie der Opernchor des Staatstheaters Darmstadt unter der Leitung von Thomas Eitler-de Lint. Die Gesamtleitung hat Johannes Harneit, Komponist, Dirigent und ein Spezialist in Sachen Neue-Musik-Oper. In der Mitte der Halle auf erhöhtem Podest stehend und über Bildschirme omnipräsent in jedem Winkel der Halle, hat er die riesigformatige Partitur entspannt im Griff. Selbst bei größter Komplexität funktionieren noch die Einleitungen von Fermaten mit feinen Rubato-Effekten. An die 150 solcher Art Doppelpunkte und Denkpausen soll es in Nonos Partitur geben! Das Staatsorchester mutiert in dieser Produktion zu einem Neue Musik Ensemble, das jedem Spezialistenensemble Konkurrenz macht. Kaum jemals sind Stimmen verdoppelt. Jeder der geschätzten 70 Instrumentalisten spielt eine einzelne Stimme und rückt mit teilweise vier verschiedenen Instrumenten an, wie der Klarinettist Volker Hemken oder der Tubist und Euphoniumspieler Jack Adler-McKean. Wo sich die Glasspieler versteckt haben, ist in der 50er Jahre-Turnhalle aus Beton und Bretteroptik mit seinem Halbrunddach nicht auszumachen. Aber die drei Klangregisseure vom Experimentalstudio des SWR sitzen unübersehbar prominent mit Computern beim Dirigenten. Nono hat die elektronischen Klänge für die Uraufführung auch mit dem Vorläurerinstitut ausgetüftelt, dem Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stifung des Südwestfunks Freiburg. Das Experimentalstudio hat das Erbe angetreten. Und es wird auch bei der nächsten Prometeo-Premiere auf der Ruhrtriennale am 6. September wieder antreten. Aber erst einmal wird in Darmstadt gefeiert. Nonos letzte Oper nach Darmstadt zu holen, schließt auch einen Kreis im Leben des Komponisten. Seine Komponistenkarriere hat er in den 1950ern bei den Darmstädter Ferienkursen begonnen, die heute keine 200 Meter Luflinie entfernt vom Böllenhoftor stattfinden. „Darmstadt è una necessità“ – „Darmstadt ist eine Notwendigkeit“ soll Nono mal gesagt haben. Und das trifft auch auf diesen Darmstädter Prometeo zu!
