Nürnbergs Oper verblüffte in letzter Zeit damit, wie sie in der Grätsche zwischen Donizetti/Rossini und Wagner fast immer die passende Besetzung aus eigenem Ensemble plus Gast-Verstärkung hinbekam. Diesmal blieb alles im Bemühen. Weder der vom ersten Auftritt an überanstrengte Tenor David Yim (Riccardo) noch die unterkühlt bleibende Sopranistin Irina Oknina (Amelia), nicht der flintenartig aufs Notenbild bollernde Bariton Mikolaj Zalasinski (immerhin im zweiten Teil ein Renato mit Balance von Charakter und Tönen) und schon gar nicht die mit Moses-Wanderstab als schwarze Witwe aufmarschierende und beim Mezzo-Gurgeln äußerst vorsichtige Chariklia Mavropoulou (Ulrica). Am besten lief es für die junge Kolorateuse Julia Novikova (Page Oscar), man wird noch von ihr hören.
Generalmusikdirektor Marcus Bosch, für seine bisher drei „Ring“-Teile allseits gerühmt, war offensichtlich theoretisch gut vorbereitet auf die gewollten Widersprüche in Verdis Partitur und wehrt sich gegen die Regie-Sterilität. Er setzte ohne allzu große Rücksicht auf Verluste (was diverse Wackel-Kontakte beim Chor und gelegentlich die geblockte Durchschlagskraft der Sänger betraf) auf die instrumentale Kontrast-Dynamik von Pathos und Lyrik, Elegie und Attacke, nahm die ätzend scharfen Punktierungen wie emotionale Munition und salbte Poesie großflächig über die Wunden. Er ließ aufhorchen, wie er an bislang ungehörten Instrumentierungs-Einzelheiten kitzelte, tastete mit den für solche Herausforderungen allzeit bereiten Musikern der Staatsphilharmonie sozusagen Verdis Nervenzentrum für seine akute Diagnose ab. Aber auf dem Rezeptblock steht nichts. Bosch macht nichts falsch, doch statt eines inspirierten Aufschwungs aus allen Erkenntnissen bleibt es am Pult bei solidem Stückwerk, beim Klangbild aus der denn doch der Inszenierung ähnelnden Kunst-Werkstatt. Man hört das Gerüst mit. Nebenbei ein hübsches Nürnberger Déjà-vu, denn hier gab es mit Christian Thielemann schon mal einen hoch angesehenen Generalmusikdirektor, der mit Wagner und ähnlichen Kalibern bravourös war, aber bei Verdi (da ging es um den „Troubadour“) an Grenzen stieß.
Der Beifall fiel freundlich aus. Nach den kürzlichen Aufregungen um den frechen „Siegfried“ von Georg Schmiedleitner gab es Abonnenten, die das Arrangieren als Gegenmodell zur Regie durchaus begrüßten.
