Während die Berliner Uraufführung sich wesentlich mehr Zeit und Raum nahm, den Hintergrund der Figuren zu entwickeln und dabei darstellerisch und tänzerisch auch teilweise sehr anrührend wirkte, wird in Aachen die Jagd nach dem Glücksgeld eher pragmatisch abgearbeitet. Dabei kommen die Schwächen des arg konstruierten Stücks eher zum Tragen als seine sprachlichen Stärken. Andererseits wird die spannende Geschichte klar geschildert: das Zwillingspaar aus prekären Verhältnissen einschließlich halbseitigem Migrationshintergrund kommt nach einem missglückten Ringklau mit dem Juwelier Wunder in Kontakt. Und in den letzten zwanzig Minuten taucht auf der kleinen Drehbühne der Aachener Kammerspiele Karsten Meyer leibhaftig als Herr Wunder auf. Er fordert das Pärchen auf, ihn im Geschäft auszurauben und anschließend die Beute gegen 50.000 Euro wieder zurückzugeben.
Und plötzlich fügt sich in diesem „Gaunerstück“ in Aachen alles wundersam zusammen (wohingegen in Berlin das Spiel zunehmend an fehlendem Tempo und der mangelnden Tiefe der Charaktere in der Stückvorlage litt). Die starke Geschichte des Dramas gewinnt Leben, die drei Darsteller zeigen emotional betroffene Figuren, und das Glücksrad wird zur beeindruckenden Metapher für den absurden Kampf ums Geld und für die Unbeständigkeit des Glücks. Der vorgetäuschte Überfall gelingt, doch in der Zeitung lesen Maria und Jesus Maria bald nicht nur vom Raub, sondern davon, dass der Juwelier Wunder (der absprachegemäß gefesselt war) an einem Herzinfarkt am Ort des vermeintlichen Verbrechens verstorben sei. Wie Karsten Meyer als Betroffener diesen Ausgang nicht glauben kann und dann doch mehrfach zu Tode stürzt, und wie Emilia Rosa de Fries und Philipp Manuel Rothkopf hier tödlich getroffen scheinen von diesem unglaublichen Unglück, das gleicht einem kleinen Theaterwunder, ist zumindest ein (wenn auch recht kurzes) Theaterglück. Nun warten die Zwillinge also weiter und hoffen mit dem Schmuck, den sie so gar nicht wollten, das große Glück zu gewinnen.
