Dazu kommen einige in Thüringen aufgenommene Fotos von Landschaft und rechten Aufmärschen und Schmierereien und das einschlägige Outfit der Räuberbande und ihres tätowierten Anführers sowie der nicht minder einschlägige linke Aufzug Amalias und schließlich das bürgerliche Politiker-Erscheinungsbild des alten Moor und seines Sohnes Franz. An diesen sozialen Kontrasten entzünden sich die vokale Durchschlagskraft von Jaesig Lee als Karl Moor, die sonore Würde Daeyong Kims als altem Moor und die schmierige Eloquenz, mit der Alik Abdukayumov die Kanaille Franz gibt und mit der sich Heike Porstein ihren linken Positionen verschrieben hat. Ihr nützen die aber genauso wenig wie der gemeinsame kurze Traum mit Karl vom normalen Spießerleben. Der Widerspruch zwischen den Schüssen Karls auf Amalia und dem ihm zugeschriebenen Aussteigertext in der Sprechblase über seinen Kopf wirkt dabei genauso nach wie die assoziative Konfrontation zwischen der musikalischen Emotion und der mitunter dumpfen Brutalität unterkomplexer Scheinantworten auf die Fragen der Zeit.
Am Ende der Premiere reagierte das Publikum begeistert. Lösch und sein Team haben Verdi und Schiller zum gedanklichen Durchstarten genutzt. Sie sind damit im Deutschen Nationaltheater Weimar den offenen Problemen unserer Gegenwart so nahe gekommen, wie es viele der Oper schon gar nicht mehr zugetraut hätten. Der Opernfreund lernt eine neue Art von Ästhetik kennen und kommt musikalisch voll auf seine Kosten. Der Schillerfan findet sich in dem Verdacht bestätigt, dass der Klassiker immer noch das Potential zum Zeitgenossen hat. Vor allem die jüngeren Zuschauer werden nach diesem Opernabend verblüfft sein, wie brandaktuell Oper sein kann.
