Nun also die Geschichte vom Sänger Orpheus und dem doppelten Verlust seiner geliebten Eurydike, die als heiteres Spiel einer Flower-Power-Truppe (herrlich ausgelassen agierend: die Zürcher Sing-Akademie) im alten silbergrau verwunschenen VW-Bus beginnt: JUST MARRIED 20-7-1974, erfahren wir! Auch später – in der Unterwelt – ist Hollywoods Fantasy-Welt nicht weit: Charon (Andrea Mastroni) erscheint als furchterregender Macho mit langen, zotteligen Haaren, Pluto (Andrew Harris) ist ein ganzkörperbehaarter Zottel im weißen Trägerunterhemd und selbst Apoll (Mauro Peter) tritt als ungewaschener Clochard auf, fest eingehüllt in (Winter-)Mantel und Mütze (Kostüme: Falko Herold). Ganz anders die großartige Anna Bonitatibus im strahlenden Sternenkleid als Proserpina – und zuvor als schon düster raunende Messagiera.
Die schönen, überlebensgroßen Margeriten, die gleich zu Beginn beim Auftritt von „La Musica“ (später auch „Speranza“: Angela Brower mit wunderbar schlankem Mezzo) aus der Erde schossen, wachsen bei Orpheus‘ Gang in die Unterwelt in den Himmel und alien-artige Wesen sinken kopfüber aus dem Schnürboden, deren Augen geisterhaft zu leuchten beginnen, wenn Orpheus sich verbotenerweise nach seiner Eurydike umdreht. Christian Gerhaher ist dieser thrakische Sänger und er singt ihn wie aus der Zeit gefallen: mal lyrisch wie in einem Lied, mal enorm dramatisch im großen, schmerzvollen Ausbruch und irgendwie immer ein Fremdkörper in der Menschenwelt. Am Ende hat er sich die Pulsadern aufgeschnitten und imaginiert noch einmal die ausgelassene Hochzeit mit seiner geliebten Eurydike (hell strahlend: Anna Virovlansky), bevor er sich gleich danach mit ihr in das frisch ausgehobene Grab legt, das den ganzen Abend im Zentrum klaffte.
