Konstantin Gorny singt kraftvoll als Godunow mit herrlich schwarzem, eines Zaren würdigem Bass. Geschmeidig weich sein Monolog „Skorbit dusa“ (Meine Seele ist traurig), zärtlich seine Ansprache von Sohn Fjodor (Dilara Bastar) und Tochter Xenia (Larissa Wäspy), herrisch, zuweilen auch angstvoll bebend seine Worte der Macht. Aber Spiel und Gesten bleiben geschäftig an der Oberfläche, lassen kaum etwas von seiner Melancholie, von Schuld- und Untergangs-Phantasien spüren. Ein großartiger Sänger-Darsteller mit sattem Bass ist Avtandil Kaspeli als Pimen – der Mönch, der im Kloster-Skriptorium an der Chronik russischer Zaren schreibt und auch Godunows Verstrickung in die Ermordung des legitimen Zarewitsch (Kronprinzen) dokumentiert. Hier kommt Pimens junger Mönchsbruder Grigori (Andrea Shin) auf die Idee, als auferstandener (falscher) Zarewitsch dem zaudernden Mörder den Zarenthron streitig zu machen: die eindrucksvollste Szene des Abends.
In originellem Habitus tritt die Figur des „Gottesnarren“ (Hofnarren) auf. Hans-Jörg Weinschenk scheint ein mythischer Homunkulus. Zusammengesetzt aus antiker Götterskulptur, New Yorker Freiheitsstatue und dornenbekröntem Christus, agiert er mit tenoral närrischen Liedchen sowohl in den Umbaupausen vor dem Bühnenvorhang als auch in der Rolle des Kronzeugen während Godunows Macht- und Götterdämmerung.
Obwohl man die russische Seele auch bei ihnen nicht findet, begleiten die Chöre das dramatische Geschehen mit durchschlagender vokaler Wucht. Bravourös löst Kapellmeister Johannes Willig seine Aufgabe am Pult der Badischen Staatskapelle. Die schrundig rauhe Musikalität der Chor- und Orchester-Sätze, ihre Ab- und Umbrüche, ihre lyrischen Linien oder lärmenden (Tuba-)Einwürfe sind bei ihm in besten Händen.
