Der Abend gliedert sich in fünf Phasen, Teil 1, 3 und 5 gehören den Erzählungen der Performer und ihrer Mütter, in Teil 2 und 4 wird dann tatsächlich getanzt, man kann die Choreographie von Nijinski erahnen und den echten Strawinski hören: Eine Aufnahme des Cleveland Orchestra, dirigiert von Riccardo Chailly. Ansonsten werden permanent individualisierte Erlebnis- und Erfahrungsphrasen verallgemeinert und herausgeschleudert: „Einige von uns sind für ihre Mutter der wichtigste Mensch auf der Welt“, „Einige von uns sind selbst Mutter“, etc., etc. Die Aussagen legen den Entstehungsprozess der Aufführung offen, zeigen, dass hier so mancher den Konflikt mit der Mutter scheute, dass auch manche Mutter nicht so gern Persönliches offenlegen wollte. Es zeigt sich, dass mal die Kinder Opfer ihrer Mütter sind, mal die Mütter Opfer ihrer Kinder, dann wieder die Mütter Opfer ihrer Männer oder der gesellschaftlichen Erwartungen, früher wie heute. Darüber hinaus bleibt die Opfer-Thematik, zumal mit der angekündigten Frage nach dem Weiblichen des Opfers, mehr oder weniger auf der Strecke. Irgendwie geht es dann doch vor allem um das Verhältnis von vier ganz konkreten Müttern und ihren Kindern. Der Abend hat den leicht bitteren Nachgeschmack von psychologischer Aufarbeitung, die nicht ausreichend verfremdet wird.
Zum Glück mangelt es She She Pop nicht an Selbstironie, über manche Dinge soll nämlich auch nicht geredet werden: „Wir wollen nicht darüber reden, warum unsere Mütter nicht anwesend sind“. Die Mütter sind nur in Videoprojektionen zu sehen. Dass in jedem Performer aber unwiderruflich seine Mutter steckt, zeigen Aufnahmen, in denen die Gesichter der „Kinder“ und ihrer Mütter verschwimmen. Das sorgt, so großformatig auf der hohen Leinwand, für etwas unerwarteten Grusel inmitten des freudigen Anekdoten-Allerleis. Die Fusion von persönlichen und allgemeinen Erfahrungshorizonten, größtenteils humorisch aufgearbeitet, freut denn auch den großen Fanclub, der sich im HAU, einer schon beinahe traditionellen Spielstätte von She She Pop, zur Premiere eingefunden hat. Und auch die anderen fühlen sich unterhalten.
