E.W. Potterton ist ein in Nadelstreifen steckender amerikanischer Finanzmann aus Chicago mit Filmambitionen, wie er im Buche steht. Stefan Kurt, der schon in der Dreigroschenoper am Berliner Ensemble mit seiner schräg stilisierten Komik überraschte, verbreitet zum angenehmen Zigarrenduft im Saal auch noch alles, was so an Klischees vom großkotzigen Was-kostet-die-Welt-Gehabe der Yankees bis heute unverwüstlich ist. Um in Boliguay zu filmen, fingiert er die Hochzeit seiner Diva („Man spricht heut nur noch von Clivia“) mit einen boliguyanischen Gaucho. Der verliebt sich tatsächlich in die aufgeschwatzte Braut. Aber auch umgekehrt funkt es („Ich bin verliebt“). Für Verwicklungen im zweiten Teil des Abends sorgt der (natürlich auffliegende) Putschversuch, den Potterton von Anfang an im Schilde führt.
Auf dem Weg zum großen Finale (Präsident heiratet Filmstar aus Liebe!) tauchen außerdem der ehrgeizige Reporter der Chicago Times Down (Peter Renz mit Georg-Thomalla-Sprechtempo) und das Berliner Erfinder-Original Gustav Kasulke (Christoph Späth) auf, dem zwar ein sinnloses Patent, aber auch das mitreißende „Man muss mal ab und zu verreisen“ zu verdanken ist.
In der Komischen Oper gehören immer der famose Chor und das Dutzend Tänzer zum Gesamtkunstwerk. Und auch die sind grandios. Nachdem es schon zum Auftakt eine kinoreife, perfekt choreographierte Massen-Klopperei in der Filmkulisse gegeben hatte, gibt es dann eine Verwandlung auf offener Szene, die das Orchester in Big-Band Formation auf die Drehbühne zaubert und eine Revuetreppe vom Feinsten für Clivia! Über allem öffnen sich dann auch noch, wie von Zauberhand, riesige, glitzernde Clivia-Blüten. Unter deren Funkeln sorgt Dirigent Kai Tietje für das entsprechende musikalische Dauerfeuerwerk des Orchesters der Komischen Oper.
Es ist ein hinreißender Abend, weil sie alle immer mit einer Handbreit ironischer Distanz über dem Boden der Tataschen (sprich der Entstehungszeit) schweben, diverse Assoziationen dem Zuschauer überlassen und ohne jeden didaktischen Ehrgeiz auf die emotionale Sprengkraft von Dostals Musik vertrauen.
Nach Sergej Prokofjews düsterem „Feurigem Engel“ ist das der rechte Kontrapunkt. Wie schön, dass Barrie Kosky weiß, dass Oper in Berlin auch auf dem Umweg über die Operette funktioniert!
