Jannes Vater Günther ist ein vielgereister Ethnologe, der die „heteronormative Leitkultur“ unter anderem damit kritisiert, dass er alle möglichen fremden Kulte und Riten durchprobiert und durchtanzt: da folgt auf den indianischen Tanz der mexikanische Todesritus. Harald Baumgartner verkleidet sich dafür immer aufs Neue und gibt diesem verbissenen Sucher der Selbstentgrenzung neben seiner übergrotesken Komik auch eine sanfte Ernsthaftigkeit. Die stark auf die Probe gestellt wird, als sein japanischer Berufs- und Sexualfreund Takeshi (bewusst schrill übersteigert: Thomas Schumacher) zu Besuch kommt. Denn der bringt andere andere Regeln und Verhaltensweisen mit, setzt auf Drogen auf dem Weg zur Ekstase und möchte deutsche Volksriten erleben. Mit Karnevals-Schellenmaske, Oktoberfest-Lederhose und dem Bier in der Hand treibt er die Familie in ungeliebt prolliges Brauchtum. Wenn er den traurig in der Vergeblichkeit seiner Selbstoptimierung steckenden Janne in ein angeblich altgermanisches Ritual drängt, toben sich die Schauspieler in einem albernen Ringkampf mit Stierhörnern auf dem Kopf und viel Kunstblut auf nackten Oberkörpern aus.
Die Qualität der Inszenierung ist gleichzeitig ihre Gefahr: Regisseurin Löffner treibt die Hin-und-her-Dialoge der Autorin aktionistisch in wilde Spielsituationen. Die Figuren werden dabei nicht genauer kenntlich, sondern nähern sich eher Karikaturen. Auch der Autorin fällt zum Thema Selbstoptimierung und offene Aussprache allzu viel ein, sodass die immerhin zweistündige Aufführung im zweiten Teil von Redundanz gefährdet ist. Und dass das Klischee eines emotional vernachlässigten Kindes, der Tochter von Janne und Katja, das die Autorin nicht auftreten lässt, sondern nur beschreibt, hier, wenn auch stumm, als recht aktives dickes, böses Wesen durch die Szenen geistern darf, ist auch kein Gewinn für die Aufführung.
Wie Rebekka Kricheldorf Menschen bei ihrer modisch-modernen „Arbeit an sich selbst“ beschreibt, wie sie verdeutlicht, dass jeder identisch mit sich sein und anders sein will, es aber trotz allem Aus-sich-herausgehen nicht schafft, das hat dennoch Witz und Kraft. Und die Abwehr, mit der sich Günther, nachdem ihn sein japanischer Freund verlassen hat, gegen alle Erklärungen zu wehren sucht, besitzt einfach Klasse: „Kann ich hier jetzt nicht einfach mal sitzen und leiden, ohne dass da wieder jemand therapeutisch im Moment rumsteht, in meinem privaten Leidensmoment?“
Das Publikum jedenfalls hatte viel (Selbsterkennnis-?) Spaß an all diesen vielen privaten Leidensmomenten.
