Gleiches gilt für das, was man an diesem Abend zu sehen bekommt. Duncan Hayler hat nicht nur sprechende Kostüme entworfen, sondern außerdem eine fantasievolle, wandelbare, manchmal sogar hintersinnig bebilderte Bühne gestaltet. Da zeigen drei übergroße Betten vor zwei gigantischen Fensterflügeln die Perspektive der Kinder, da beleben weiße, federnde Luftballons die blaue Traumwelt von Nimmerland, da nahen Piraten in einer Badewanne mit Stehlampe. Am Ende entpuppt sich (was für ein Theatercoup!) ein Podest als Oberkiefer eines riesigen Krokodils, das sein Maul aufreißt und alles Böse verschlingt. Und über allem lässt Horacio Peralta immer wieder zauberhaft das kleine weiße Gespensterpüppchen Tinker Bell schweben.
Der Regisseur Frank Hilbrich führt das vielköpfige singende Personal des Stücks geschickt über die bunte Bühne. Etliche betont kindische Verhaltensweisen des Chores wirken allerdings überzeichnet. Für beeindruckende Effekte sorgt Ran Arthur Braun als „Aerial Director“: An Seilen aus dem Schnürboden schweben Josefin Feiler als Michael, Daniel Kluge als John und Yuko Kakuta als (trotz Erkältung) hinreißend höhenklare und spielfreudige Wendy Darling davon, und dank präzise einstudierter Flugbewegungen bekommt Iestin Morris am Ende nicht nur als Sänger langen Beifall. Morris ist ein Countertenor, und die männliche Falsettstimme passt exzellent zum Titelhelden des Stücks. Schließlich ist Peter Pan eine Figur zwischen den Geschlechtern, zwischen Gut und Böse, Kind und Erwachsenem, Unbewusstem und Bewusstem. Ein Wesen aus der Zwischenwelt, an dem man spielerisch eine zweite Ebene, eine Ebene der Verweise und (Be-)Deutungen hätte befestigen können.
Das ist auch deshalb nicht geschehen, weil die Musik es nicht vorsieht. Richard Ayres’ Partitur endet, als die Kinder von ihrem Ausflug in Anarchie und Verantwortungslosigkeit in die gesellschaftliche Normalität zurückkehren, mit einem Grundakkord, der so ungetrübt strahlt, dass man ihn mit Grund harmonistisch oder gar reaktionär finden kann. Von einem doppelten Boden ist hier nichts zu hören. Fragen werden ebenfalls nicht gestellt. Nicht nach der bigotten (Sexual-)Moral der Familie Darling oder nach der verbrämten Keuschheit der Ehefrau, die Helene Schneiderman wundervoll ausspielt. Und auch nicht nach dem Gegenprinzip zu Peter Pan, dem einarmigen Captain Hook (Espen Fegran), der in diesem Stück ohnehin ein bisschen konturlos bleibt.
Immerhin hat er lustige Gesellen an seiner Seite: Mark Munkittrick bildet mit Torsten Hofmann ein quirliges Piraten-Duo, und Lindsay Ammann ist eine verführerische Tiger Lily. Dennoch duftet die Oper „Peter Pan“ am Ende penetrant nach Musical. Der Stachel fehlt. Ein Haus wie die Oper Stuttgart hätte ihn aber unbedingt ins Fleisch der Unterhaltung bohren müssen.
Nochmals am 5., 10., 11. und 16. Januar, Karten: 0711 / 20 20 90.
