Sabine Hartmannshenn sucht in Stoff und Werk nach gesellschaftskritischem Potenzial, versucht stringent narrativ vorzugehen und die Figuren aus dem Geschehen heraus zu motivieren. Sie entscheidet sich für einen Blick von außen auf heutige Figuren und scheut vor plakativen Bildwirkungen nicht zurück, lässt diese aber unentschlossen zwischen Ironie und Pathos hin- und herpendeln und reichert sie mit überkommenen Regietheatersymbolen, wie etwa dem Brautkleid im zweiten Akt, unnötig an. So kippt die Aufführung immer wieder ins Dekorative, beispielhaft zu beobachten an den optisch attraktiven, dramaturgisch unproduktiven Chorkostümen von Susana Mendoza.
Die Bühne von Stefan Heinrichs zeigt zu Beginn einen jener großen Menschenkäfige, die sich seit Götz Friedrichs berühmtem Berliner „Boris Godunov“ als Emblem für Diktatur und Ungerechtigkeit auf den Bühnen etabliert haben, mit dubiosen Rein-Raus-Interaktionen zwischen gefangenen Franzosen und bewachender englischer Soldateska. Mittendrin der Dauphin mit sitzender Dauerwelle und Throninsignien in der Stofftasche. Giacomo, der Vater, trägt eine Baskenmütze, schräg aufgesetzt (Achtung: Resistance?). Im zweiten Akt laufen auf der Rückwand mit Fotos ausgestattete Listen durch, mutmaßlich Opfer von Krieg und Verfolgung, die nach und nach durch Abbildungen der historischen Jeanne d’Arc ersetzt werden. Diese dominieren, in verschiedenen Ausschnitten und Perspektiven, nach der Pause in Form riesiger Plakate die Bühne. Jetzt geht es um die Entstehung von Personenkult, um Idole und ihre Vernichtung, um die „böse“, homogene Masse. Das ist klar und verständlich gearbeitet, gibt aber die Figuren und ihre Nöte nahezu der Lächerlichkeit preis. Die Geisterstimmen werden vom Band zugespielt, die Impulse der Musik nur da aufgenommen und weiter geführt, wo sie dem verkopften Konzept Sinnlichkeit zuführen, etwa im großen Duett Johannas mit ihrem Vater.
Paul O’Neill bemüht sich als Dauphin mit verhärtetem, unflexiblem Tenor immerhin spürbar um Pianokultur, Evgueniy Alexiev verbreitet als Giacomo mit klangschönem Bariton stimmlichen Glanz. Astrid Kessler gelingt mehr. Mit biegsamem, lyrischem, in der Expansion noch etwas schlankem Sopran schafft sie mit natürlichem Spiel und organischer Phrasierung trotz typisierendem „Einfaches Mädchen“-Kleid eine berührende Titelfigur, selbst beim Hantieren mit einer Plastikrüstung oder Fantasie-Lilien-Flaggen.
Alexander Kalajdzic und das ausgezeichnete Orchester beginnen delikat und geben der ungewöhnlichen Partitur trotz mancher etwas rabiat genommener Passagen Kraft und Leben, der Chor der Bielefelder Oper rückt nach unsicherem Beginn, wie von Verdi vorgesehen, furios ins Zentrum des musikalischen Geschehens.
