Zur wirklich interessanten Mittelpunkt-Figur macht die Inszenierung den autoritären König Philipp II., den man so nicht kennt. Thomas Nunner spielt gekonnt einen noch längst nicht vergreisten Herrscher, der Tyrannen-Rollenspiele als Barriere gegen den Machtverlust aufbaut. Eine oft sogar tragikomische Figur, die sich selbst durchschaut und dennoch weiter klammert. Aufbrausend in der Anführer-Rhetorik, hilflos im Gefühl. Dass ihm die Regie zum rebellierenden Student-Infanten die hier als Mamas Ebenbild-Püppchen kostümierte Kleinkind-Infantin wie ein putziges Mahnmal des Versagens hinstellt, verschiebt die Gewichte zwischen Staatsräson und Privatsache erneut in die Beziehungskiste. Schon hat man sich als Zuschauer darauf eingestellt, dass der auf dem Besetzungszettel fehlende Großinquisitor tatsächlich nichts zu suchen hat in dieser erweiterten Familienangelegenheit, da taucht ein schneidiger Generalvikar auf (Julian Keck, vorher als Page nachgeordneter Strippenzieher, nun ein vermutlich erster Klasse eingeflogener Würdenträger mit Gipskragen) und fordert Ordnung.
Regisseurin Schirin Khodadadian, von Ausstatterin Marion Hauer mit einem Kostüm-Rundblick von der glitzernden Historienpracht (Elisabeth, Eboli) bis zum schlabbernden Versandhaus-Design (Karlos, Posa) in der Behauptung der Zeitlosigkeit unterstützt, kann im selbstgesteckten Rahmen beim Ruf nach „Gedankenfreiheit“ nicht revolutionär auftrumpfen. Zwar hat sie mit den dazumal noch so personalintensiven Lauschangriffen aus allen Winkeln und thrillertauglichen Schattenfiguren auf allen Wänden die kleine Welt der Herrscher-Bürokratie ins Allgemeingültige hochgerechnet, doch nach mehr als drei Stunden bleibt der ganze Sturm und Drang im Windfang des Königshauses hängen. Draußen ist also auch was faul im Staate, ein anderer Dichter hat ebenfalls schon darauf hingewiesen.
