Das Konzept geht auf, weil Claudia Rohners funktionales Hallenbühnenbild den Schauspielern viel Raum gibt und das Bochumer Ensemble versteht es, diesen zu nutzen. Da gibt Lore Stefanek mit schön ausgestellter Hofschauspielerattitüde die Burgundenmutter Ute als Bewahrerin einer Dynastie, überbordend liebevoll und gleichzeitig fast staatsräsonsüchtig und Heiner Stadelmann und Matthias Redlhammer nutzen die Textumstellung, die ihren Figuren Rüdiger und Etzel mehr Bühnenpräsenz und Entwicklungszeit gibt, zu scharf umrissenen Porträts.
In zweifacher Hinsicht Opfer der gewählten Umsetzung sind allerdings die „letzten Riesen“ Siegfried und Brunhild. Beiden Figuren fehlt die mythische Lagerung, die Hebbel ihnen anstelle einer sozialen und politischen Rolle mitgegeben hat. Bei Vontobel werden sie zu funktionalen Figuren, zu Beschießungen eines Systems, um den Grundkonflikt zu verdeutlichen und die Geschlechterkampfkomponente der Handlung zu befeuern. Der golden bemalte Felix Rech gestaltet diese Außenseiterrolle bei seinem ersten Auftritt so herzzerreißend wie komisch, schreitet aber danach in seinem herausstechendem Snakeskin-Jacket einfach imposant durch seinen Text. Seine große Erzählung ist weit weg vom Spannungsfeld der Aufführung. Sein Tod bestürzt nicht. Auch Minna Wündrich, silbern ausgestattet, tritt stark auf, auf dem hell erleuchteten Mittelsteg, der dem langen Abend so viel Intimität gestattet. Sie spielt und spricht kraftvoll und direkt, wirkt aber im Kontext der Aufführung wie eine schlichte Provinzschönheit.
Der Erfolg dieser oft spannenden, manchmal glanzvollen, immer unterhaltsamen „Nibelungen“ – Aufführung entscheidet sich in der letzten halben Stunde. Für das theatralisch kaum zu bewältigende Etzelhallen-Gemetzel findet Vontobel rationelle, aber bezwingende Bilder. Die das Schwert Balmung schwingende Kriemhild, die blutüberströmten Gunther und Hagen und der im weißen Hemd am Flügel sitzende Etzel verschwinden einfach im Blackout. Und alles ist vorbei.
