Librettist John O’Brien hat Shakespeares fünfaktige Komödie auf drei Akte gekürzt und mit einem Epilog versehen. Der andauernde Szenenwechsel zwischen dem umtriebigen Venedig und dem lauschigen Landsitz Belmont findet in der Oper nur zwischen den Akten statt. Der Jude Shylock, der dem Kaufmann Antonio Geld leiht und im Falle einer möglichen Insolvenz ein Pfund seines Fleisches verlangt, wird in der Oper zur Hauptfigur. Adrian Eröd verleiht diesem Ausgegrenzten eine vielschichtige Charakterisierung. Sein flexibler, tragfähiger Bariton kann dabei enorme Wucht entfalten, wenn er seine zum Christentum konvertierte Tochter Jessica (glockenhell: Kathryn Lewek) verurteilt oder im Prozess Rache fordert. Antonio ist da ein eher schwacher Gegenspieler, was auch an dem feinen, aber zu dünnen Countertenor von Christopher Ainslie liegt.
Ashley Martin-Davis hat in Keith Warners stimmiger Inszenierung für den ersten Venedigakt drei silbern glänzende Schließfachwände auf die Bühne gestellt, die sich als mobile Elemente durch den ganzen Abend ziehen und auf der Rückseite auch mal Shylocks Wohnhaus darstellen können. Tchaikowsky Musik verleiht mit ihrer Motorik und Polyphonie dem geschäftigen Treiben des Wirtschaftszentrums einen passenden Klang, dreht sich aber auf Dauer auch ein wenig im Kreis und kann in ihrer spröden Polytonalität ermüden. Mit dem von Antonio geborgten Geld wirbt Bassiano (mit strahlendem, nur in der Höhe mattem Tenor: Charles Workman) dann endlich um seine angebetete Portia (stark: Magdalena Anna Hofmann) werben und findet im Irrgarten der Bewerber den richtigen Tresor. Sein Kumpel Gratiano (präsent: David Stout) schnappt sich Portias auch musikalisch attraktive Zofe Nerissa (Verena Gunz). Im dritten Akt gewinnt der dreistündige Abend, der durchaus Längen hat, dann die größte Intensität, weil auch Tchaikowskys Musik bei der Gerichtsverhandlung die größte dramatische Kraft entfaltet. Die Wiener Symphoniker, die die Partitur mit bewundernswerter Genauigkeit zum Klingen bringen, sind hier unter der Leitung von Erik Nielsen handlungstragend, wenn sie die Spannung in flirrenden Liegetönen in den Bläsern hochhalten oder emotionale Ausbrüche im Blech mit Vehemenz härten. Je durchsichtiger Tchaikowsky instrumentiert, desto mehr Reiz entfaltet seine Klangsprache, die bei den Solisten ganz auf die große Linie setzt. Am Ende verliert Shylock den Prozess und stürzt sich ins Grab. Man lebt in Venedig fröhlich weiter, als wäre nichts gewesen. Nur der lange, dunkle Streicherklang am Ende mag die Freude der Protagonisten nicht teilen.
