Das Orchester nimmt zu Beginn die Geräusche des Industriebetriebes auf; harsche Akkorde dominieren, bis sich daraus zunehmend lyrische, an Melodien Puccinis erinnernde Passagen entwickeln. In einer Musicalepisode werden Selmas Wunschbilder vom „American Dream“ assoziiert, die an der harten kapitalistischen Realität im Amerika der 60er Jahre zerbrechen. Spätromantische, hoch emotionale Gesangspartien, die die Sänger um Dagmar Hesse als Selma überzeugend gestalten, kontrastieren mit dissonanten, ruppigen Orchesterpassagen, die das Philharmonische Orchester Hagen unter Leitung von David Marlow mit höchster Präzision und Expressivität interpretiert. Diesen Kontrast will Poul Ruders aber nicht als Bruch verstanden wissen, sondern als konsequente assoziative Spiegelung der Gefühle und Situation der Protagonistin Selma in einem akustischen stream of consciousness.
Ungeachtet einiger musikalischer wie dramaturgischer Längen ist „Selma Jezková“ eine hochemotionale Oper von archaischer Eindringlichkeit, die sich weit von ihrer filmischen Vorlage entfernt, aber das kurze tragische Leben einer entwurzelten Frau in einer kurzen tragischen Oper voll packender Spannung erzählt.
