Also ran an Dürrenmatt. Christine Eder wurde engagiert, die ja für hektisch schrille Persiflagen von Texten bekannt ist. Jetzt lässt sie erstmal das Biedermeierwohnzimmer der Handlung als Pop-up-Buch aufklappen (Bühne: Jakobus Durstewitz), Rockmusik dröhnt. Aber dann wird durchaus mit dem Geist der Vorlage gespielt, der parodistischen Überhöhung. Mal klamottig beschleunigt, mal ironisch melancholisiert, mal mit krachender Komik poltert Dürrenmatts boulevardesker Dramenversuch à la „Arsen und Spitzenhäubchen“ als Labiche-Farce auf die Bühne.
Vier Weltverbesserer-Karikaturen buhlen um Anastasia, der Umstände halber, aus brennender Begierde oder purer Berechnung. Als Instanz der Realität ist sie Pragmatikerin ihres Egoismus, will verführt werden und dabei ihre persönlichen Vorteile realisieren. Ein nicht ganz so politisch korrektes Frauenbild, aber egal. Drumherum toben fantastisch tollkühn die Männer bedingungslos zu ihrer Wahrheit, wollen radikal zurück nach vorn: Ideale von gestern für die Zukunft reaktivieren. Der christliche Eiferer möchte mit dem Gesetz Moses die Transzendenz wieder im Leben verankern, ein Freund geht zwecks irdischer Gerechtigkeit für den Kommunismus auf die Barrikaden, ein anderer hat sich närrisch eingesponnen in den Romantik-Kokon wahrer Liebe (zum Niederknien tragikomisch: Mirco Kreibich). Am Ende gewinnt Position vier: ein Realpolitiker, also opportunistischer Karrierist, stellt mit seinem gnadenlosen Machtinstinkt alle kalt – und wird bejubelter Präsident.
Kann eben öffentliche Meinung für sich am besten manipulieren … so argumentiert das Stück gleich noch gegen sein Online-Voting. Ein weiterer Grund für die Wiederentdeckung – kreative Herausforderung oder zeitgenössische Relevanz – lässt sich nicht entdecken. Trotz aller dramaturgischen Rechtfertigungsrhetorik des Theaters, es würden Menschen porträtiert, wie wir sie kennen: scheiternde Kämpfer für eine bessere Welt. Die Stück-Konstruktion ist doch eher plump, die Szenerie arg angestaubt, die Dialoge klingen papieren. Die Regie macht das Beste daraus, führt mit dem komödiantisch virtuosen Ensemble den manischen Idealismus der krass unverbesserlichen Überzeugungstäter höchst vergnüglich ad absurdum. Etwas wenig für die große Bühne, aber allemal ein formidabler Late-Night-Spaß.
