Dieses Konzept wird von Anna Radziewskaja, der das Werk gewidmet ist und die auch schon die Mannheimer Uraufführung gesungen hat, grandios gefüllt. Wie selbstverständlich klimmt sie die Oktaven rauf und runter, singt die gezackten Linien, die vielen Wiederholungen, die unruhigen, aber nicht unregelmäßigen Rhythmen, bleibt stets klangschön, ist dabei ganz Sehnsucht, Verwirrung, Angst. Auf dem Höhepunkt tanzt sie ein Duett mit einem breakdancenden Statisten. Gegen Ende vertraut sie sich schließlich dem Bahnhofspersonal an, zwei munteren Clowns im Bahnoutfit. Auch diese kommen ihrer Bitte um Inobhutnahme oder Vernichtung ihrer Existenz nicht nach. Sie entsorgen ihren Besitz und lassen sie allein.
Im Kern funktioniert der interpretatorische Ansatz, auch wenn den poetisch surrealen Textpassagen kein direkter Einfluss auf die Bühnenaktion gestattet wird und die sachlichen Bewegungsmuster der individuell gekleideten Choristen Sciarrinos Musik oft zu wenig entgegen setzen. Der Rhythmus der Aufführung öffnet die Ohren für den Duktus von Sciarrinos Musik; eine kleinteilige Dramaturgie mit wenigen, sehr nuancierten dynamischen Steigerungen; eine Aneinanderreihung flüchtiger Momente, zusammengehalten durch eine Grundfarbe. Im Klang sind das die wie Nebel aufsteigenden Glissandi der Streicher, grundiert von überblasenen, dunklen Holzbläsertönen. Durch die phantastische Leistung aller Beteiligten – der Solisten, des Orchesters unter Peter Halasz, des Opernchores und des als Bewegungschor fungierenden Sinfonischen Chores Aachen – entsteht so eine glasklare Analyse sozialer Defizite, weder gnadenlos noch sentimental.
