In dieser satirisch bösen Tagträumerei hinter schmutzig weißen Gardinenvorhängen wird stumm Ravels Oper vorbereitet, die als lackfolienschwarze Alpträumerei hergerichtet ist. Ohne Text und musikalische Entsprechung lässt Esterhazys bereits in der „Nachtigall“ eine Putzfrau in der schnöseligen Kulturkonsumgesellschaft agieren. Ihr Kind ist derweil allein mit sich, schaut so einsam wie neugierig dem Bühnentreiben zu, vertrödelt die Hausaufgaben, erntet dafür von Muttern eine Backpfeife, flüchtet in ein Märchenbuch, aus dem die Mutter empört eine Seite herausreißt. Diese Szenen tauchen bei Ravel wieder auf, denn genau darum geht es: Kindesvernachlässigung mit den Folgen Wut, Aggression, Unlustzuständen. All die vom Kind traktierten Einrichtungsgegenstände und misshandelten Haustiere gewinnen schließlich Eigenleben, die Schöpfung wehrt sich gegen die Drangsalierung (durch den Menschen). Mit beeindruckend karger Poesie wird die Nummernrevue erfindungsreich in Bewegung gehalten. Figuren schweben herein, huschen vorüber. Wer was spielt, ist aufs jeweilige T-Shirt gemalt. Der „Frosch“-Darsteller bekommt als Accessoire noch eine Fliegenklatsche und imitiert mit Kaugummiblase die aufgeplusterten Backen. Ein Sänger wird zum alten Baum durch Waldschratbart, Handwerkerhose und Krückstock. Lehnsessel und Polsterstuhl geben ein S&M-Paar. Esterhazy aber geht es wohl um die Abrechnung mit der garstigen Mutter. Ihre Abwesenheit, Unduldsamkeit, ihr Empathiemangel lassen den Sohn zum „böse undankbaren Kind“ werden – sie selbst spielt gleichzeitig auch noch den Tod („Die Tödin“ heißt es auf dem Programmzettel). Das Kind muss also gerettet werden: Im surrealen Spiel erlebt es Sehnsüchte, Gewalt, Liebe, Ängste – und Mitgefühl. Wie schon Strawinskys dürstender Nachtigall reicht es dem auch bei Ravel auftauchenden Vöglein ein Getränk. Und heilt die Wunde eines Eichhörnchens. Das arg versöhnlerische Finale bricht Esterhazy gleich wieder, das nun brave Kind ruft nach der Mutter, die schon wieder keine Zeit hat…
Sehr gut passt zur schroff reduzierten Bühnendarbietung die musikalische Leitung von Sebastian Beckedorf. Man könnte sich all die Brechungen, Travestien, vibrierenden Spannungen, aufreizenden Abgründe zwar etwas kräftiger ausmusiziert vorstellen, aber das Staatsorchester Braunschweig überzeugt mit einer klanglichen Kaltnadelradierung, ist spröde genau, leuchtet so die verführerisch undurchsichtigen Partituren bis in die hintersten Winkel aus. Nicht mitreißen wollen, aber beeindrucken können: dafür gab es für alle Beteiligte akkuraten Premierenapplaus.
