Dafür wird es nach der ersten Pause schnell spannend. Malkowsky organisiert das Spiel jetzt auf einer Ebene leichter Stilisierung. Momente planen Realismus‘ fungieren als konterkarierende Unterströmung. Das Gefängnis, in dem Kotschubej schmachtet, gefoltert und schließlich hingerichtet wird, gerät in den atmosphärischen Bildern von Kathrin-Susann Brose zur szenischen Metapher. Die Figuren sind gefangen in ihren Ambitionen und Leidenschaften, werden Spielball der von ihnen ausgelösten Vorgänge, die sie nicht mehr beeinflussen können. Liebevoll und differenziert sind die Hauptfiguren gezeichnet. Dem Mazeppa gibt Johannes Schwärsky mit seinem nicht mal sonderlich farbenreichem Bariton überraschend viel Humanität mit. Maria durchlebt bei der mit lyrischer Emphase jugendfrisch klingenden Izabela Matula glaubhaft eine Metarmophose von der verliebten Ball-Elevin zur Spitzenpolitikergattin. In dem Moment, da sie Zeuge wird, wie ihr Mann ihren Vater hinrichten lässt, verliert sie nicht nur ihren Verstand, sondern auch ihr soziales Koordinatensystem, ihre Rolle. Die fantastisch disponierte Hinrichtungsszene auf dem Gefängnishof erinnert in szenischer Ausgestaltung und inhaltlicher Ausrichtung an das „Fidelio“ – Finale des ersten Aktes.
Der dritte Akt läuft als absurd anmutender Epilog ab. Bindungslose Einzelwesen schleichen durch die Dekorationsreste. Die morbid verlöschenden Lyrismen, die Carsten Süss dem unglücklich verliebten Andrej mitgibt, strukturieren eine Beckett-Trümmerlandschaft.
Am Pult der Niederrheinischen Sinfoniker gibt der neue GMD Mihkel Kütson seinen Einstand. Dirigent und Orchester haben sich spürbar bereits gefunden. Der Klang ist klar konturiert aber nie scharf. Kütson atmet mit seinen Musikern wie mit den Sängern und dem tollen Chor, ist erkennbar an dramatischen Vorgängen interessiert, stützt diese bewusst und macht darüber hinaus Strukturen sinnlich erfahrbar. Man hört etwa, wie alle dramatischen Impulse zunächst von den tiefen Streichern ausgelöst werden. Im Moment der Katastrophe „übernehmen“ dann die Violinen, konterkariert von den, oft solistisch eingesetzten, Holzbläsern.
Sollte es auf dem Niveau weiter gehen, stehen dem Musiktheaterpublikum in Krefeld und Mönchengladbach spannende Zeiten bevor.
