Andreas‘ und Violaines Entscheidungen irritieren und desorientieren die anderen, stellen deren unhinterfragt übernommene Werte und Überzeugungen durch die Unbedingtheit ihrer Hingabe in Frage und lassen diese so wie Blinde umhertasten und -taumeln. Bei solchen allegorischen Anspielungen belässt es Häberli aber; die zentralen religiösen Dimensionen des Werkes leuchtet er nicht aus, er macht eher ein Strindbergsches Familiendrama daraus. Seine Regie konzentriert sich – zu eindimensional vielleicht – auf schnörkellose, präzise konturierte Porträts der Charaktere und ihrer Beziehungen, die die Sänger-Darsteller überzeugend mit Leben füllen, allen voran Adelheid Fink mit ihrem wunderbar geführten, strahlenden lyrischen Sopran als unprätentiös-opferbereite Violaine. Bernd Valentin gestaltet Jakobäus‘ Unschlüssigkeit mit nuancenreichem Bariton und differenziertem Spiel; Steffen Schantz‘ dramatischer Tenor lässt den begnadigten Büßer Peter von Ulm lebendig werden. Alexis Wagners sonorer Bass zeichnet den gläubigen Gottessucher Andreas nach. Helena Köhne und Elena Laborenz runden das gut harmonierende Ensemble ab. Maras bedingungsloser Egoismus, stimmlich und darstellerisch in zahllosen Nuancen von der jungen Mezzosopranistin Melanie Lang ausgeformt, kulminiert in der Schlüsselszene der Oper – sie thematisiert das Weihnachtswunder eines wiedererweckten Kindes – in der Zurückweisung ihres eigenen Kindes, das nach seiner Erweckung die blauen Augen Violaines hat. Violaines Aufgabe ist jetzt vollbracht, das Attentat ihrer Schwester ist nur noch der äußere Vollzug, bevor die stets in sich ruhende freiwillige Büßerin mit dem Kind ihrer Schwester und einem unerschütterlichen Bekenntnis zum Leben in eine undefinierte transzendente Helle entschwindet.
Chor und Orchester des Pfalztheaters unter Leitung von Uwe Sandner zeigen sich der anspruchsvollen Partitur gewachsen: Stilsicher leuchten die flexibel agierenden Musiker die spätromantischen Klangfarben aus und entwerfen Entwicklungsbögen voll dramatischer Spannung, ohne jedoch die Darsteller zu überdecken.
