Den 2.Akt widmet Spuck der altersweisen Hofdichterin Madeleine de Scuderi, die schon Hoffmann in den Mittelpunkt seiner Erzählung rückte. Mit unterkühlt statuarischer Grandeur schreitet sie in einer Krinolinen-Robe aus schwarzem Moiré mit Riesenschleppe, die fast die gesamte Tanzfläche ausfüllt, über die Ballettbühne. Eine Hommage für Grande Dame Marcia Haydée, die als Gast die Rolle imposant verkörpert. Und auch für ihre Doppelgängerin en miniature, die kleinwüchsige französische Schauspielerin Mireille Mossé, die als epische Spielleiterin „S.“ fungiert und berichtend Elemente der Handlung wie in einem analytischen Drama retrospektiv zusammenfügt. Sie bürgt mit ausdrucksstarkem Gestus des Zeigens für einen Hauch von Comédie-Francaise. Vor allem aber fesseln in diesem Akt die balletteusen Variationen des im Hoffmann-Text dreimal zitierten berühmten Scuderi-Satzes „Un amant qui craint les voleurs n’est point digne d’amour“ (Ein Liebhaber, der die Diebe fürchtet, ist der Liebe nicht würdig.) Spuck formt daraus herrliche Auftritte seiner Protagonisten. In deren Zentrum agieren Olivier (William Moore), des Goldschmieds Geselle, der unschuldig als „Juwelenmörder“ verdächtigt und verhaftet wird, und Madelon (Katja Wünsche), des Goldschmieds Tochter. Beider Liebes-Pas de deux entfaltet Leidenschaft und Verzweiflung in einer Fülle kunstvoll verbundener Figurationen.
Nicht zu vergessen die elegant ausgetanzten Ensembles, die im ersten Akt vor Versailler Schloss-Kulisse an die aristokratische Herkunft des Balletts erinnern, und von „S.“ kommentiert immer wieder in erstarrten Bilderbuch-Posen innehalten. Im letzten Akt präsentieren sich vor den Flügeln einer mitten auf der Bühne platzierten Drehtür-Skulptur gleißend barocke Kostümparaden und allerhand Gruppen-Szenen. Zu triumphalem Orchester-Sound und rasant gesteigertem Tempo verdichten sich schließlich alle Aktionen in einem höfischen Gesellschaftstableau, das mit hofnärrischem Gelächter der „S.“ abbricht.
Mit dieser Großtat verlässt Christian Spuck das Stuttgarter Ballett, dem er zuletzt als Hauschoreograf diente, um in Zürich die Ballettdirektoren-Position einzunehmen. Insofern ist der vorgelegte Bericht eine Verlustanzeige.
