Überhaupt ist die Jagd hier eher männliches Potenzgehabe und Menschenjagd in einem Wald, der weit jenseits aller zivilisatorischen Landstriche liegt. Nicht nur die Wolfschlucht ist da der viel zierte Alptraum. Bieito übersetzt vor allem diese Szene in seinen blutigen psychologisierenden Bühnenrealismus. Kaspars (Carsten Sabrowski) Pakt mit dem Teufel ist ein radikaler Ausstieg aus dem Minimal-Konsens jeder menschlichen Gemeinschaft, nämlich die Anderen am Leben zu lassen. Für seine Kugelgießerei entführt der Finsterling ein Brautpaar, bringt die Braut in einem Gruselritual um und taucht seine Kugeln in Jungfrauenblut. Und den ohnehin als Versager bedrängten Max (Vincent Wolfsteiner) zieht er dabei auf seine Seite. Er treibt ihn in den nackten Wahnsinn. Ganz wörtlich. Wie außer sich bringt Max den entführten Bräutigam um und hüpft fortan mit Dreck beschmiert nur noch nackt durchs Unterholz. Und über die Baumstämme, die sich erst aus dem Schnürboden herabsenken, dann während der Wolfschlucht ins Wanken kommen und schließlich wie ein Haufen Mikadostäbchen aufgetürmt herumliegen. Nach dem Doppelmord zur Mitternacht – gibt’s dann ein „Ich Max – Du Agathe“ mit Variationen, die manchmal unfreiwillig komisch wirken. Wie die dauerkichernden Brautjungfern, die mit ihren albernen Miss Piggy Masken eine Art Junggesellinnen-Abschied zelebrieren, bei dem sich Ännchen obendrein frustriert als Zukurzgekommene outet.
Beim Probeschuss, der ja auch fürs „erste Mal“ steht, ruft Max seiner Agathe (Ina Kringelborn) zu: „Ich liebe Dich“, und drückt ab. Der belehrend versöhnlichen Schlussszene, die mit ihrem Vertrauen in Gott und die Obrigkeit immer etwas aufgesetzt wirkt, entzieht sich Bieito auf seine Weise durch Distanzierung und Mord. Ganz offenbar glauben Ottokar und seine Leute kein Wort von dem, was sie selbst und der auftauchende Eremit (als Penner in Riesengestalt: Alexey Tihomirov) von sich geben. Und so ist es – zumindest bei diesem Ausflug in die finstersten Ecken des deutschen Seelenwaldes – nur konsequent, dass sich Kaspar selbst umbringt und Ottokar und seine Leute dann Max und den Eremiten einfach über den Haufen schießen. Diese militanten, mit Kalaschnikows bewaffneten Outlaws werden den Weg zurück in die Zivilisation nicht mehr finden.
Das Publikum ging mit den Sängern, dem Chor und dem Dirigenten durchweg sehr wohlwollend um, spaltete sich dann beim Regieteam in das zu erwartende Pro und Contra. Aber längst ohne jene Verbissenheit, die bei Bieito noch vor Jahren üblich war. Man gewöhnt sich halt an alles. Und wie’s der Zufall will, gibt es ja im Deutschen Historischen Museum, ein paar Gehminuten von der Komischen Oper entfernt, eine Ausstellung zum Deutschen Wald. Irgendwie gehört die mit zur Inszenierung.
