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Nachhaltig neu

Nicht jede Verstörung traditioneller Sehgewohnheiten ist Avantgarde. Sie muss sich auch als zukunftsträchtig erweisen! Das zu unterscheiden ist gar nicht so einfach. Gedanken zur Einleitung in diesen Themenschwerpunkt

Leseprobe aus Heft 07/2020 zum Schwerpunkt „Wie viel Avantgarde steckt im Repertoire?“.
Von Detlev Baur am 01.07.2020

Die Werkstatistik ist so etwas wie die Zahl gewordene Notiz zum Theaterleben einer Spielzeit. Neues oder gar Gewagtes hat weit vorne in den Ranglisten der meistgespielten oder bestbesuchten Inszenierungen kaum einen Platz. Es gibt jedoch immer wieder Ausnahmen. Vor einigen Jahren war es die Bearbeitung von Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“, die im Schauspiel wie im Kinder- und Jugendtheater schnell und erfolgreich die Spielpläne füllte. Vor vier Jahren begann dann der Erfolg von Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“. Bei allen Vorbehalten in den Feuilletons gegenüber diesem ästhetisch provozierend unambitionierten Werk, das als theoretisches Gedankenexperiment quer zu jedem Regietheater steht und so gar keine Textfläche ist: Unterhaltsam oder gar oberflächlich war dieses Erfolgsstück sicherlich nicht, sondern Ausgangspunkt für inhaltliche Diskussionen im Publikum.

Im Schwerpunkt, der parallel zur neuen Werkstatistik erscheint, vertiefen wir die Listen und Graphiken inhaltlich und bereiten die Zahlen über die Theaterlandschaft anschaulich auf. In diesem Jahr interessiert uns dabei die Frage, welche Rolle Neues oder gar Avantgardistisches in der Werkstatistik und damit im Repertoire der Theater eigentlich spielt. Wie sieht es also in der Saison 2018/19 mit Avantgarde im Repertoire aus? Einen überragenden Neustart à la „Tschick“ oder „Terror“ gab es nicht. Sind am-bitionierte neue Werke dennoch mehr als Lückenfüller in der Liste von 7152 Inszenierungen in Deutschland, wie sie alle namentlich in der Werkstatistik erfasst sind? Gibt es darunter vielleicht doch den einen oder anderen Geheimtipp für die nächsten Jahre? Oder zeigt sich, dass „avantgardistisches“ Theater einem Wandlungsprozess unterliegt?


Avantgarde im Theater

Was bedeutet Avantgarde im Theater eigentlich? Im Wortsinne ist Avantgarde eine Vorhut – das ist nicht nur im Militär, aus dessen Bereich das Wort kommt, ein gefährliches Geschäft. Wer Neues wagt, wird schnell missverstanden, weil er unbequem für wohlgeübte Sinne und Traditionen ist. Er oder sie kann sich aber auch verrennen und ins Abseits gelangen oder in eine Sackgasse.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verorteten durchaus unterschiedliche Künstler von Artaud über Brecht bis Meyerhold oder Marinetti die Kunst neu. Sie waren sich dar-in einig, dass sie ein künstliches und anti-naturalistisches Theater anstrebten. Bezeichnend für die historische Avantgarde ist das Zusammenwirken von bildenden Künstlern mit Theatermachern und das Zusammenspiel verschiedener Sparten wie Tanz und Musik. Solistische Schauspielkunst gerät in den Hintergrund, das Gesamtkunstwerk mit einem Regiekonzept rückt in den Fokus. Theater ist keine Dienerin der Literatur mehr, sondern eine eigenwillige, autonome Kunst. Spätestens mit dem Regietheater der 1960er und folgenden Jahrzehnte wird dieser Theateransatz auch im Stadttheater Allgemeingut.
 

Die Zukunft der Avantgarde

Doch auch Avantgarde kann nicht ewig frisch bleiben: Neues Theater wird entweder vergessen und verdrängt, bevor es zur Avantgarde wird. Oder es wird im Erfolgsfall im Repertoire gleichsam verdaut und wandelt sich dabei selbst zum Klas-siker. Dementsprechend hat Ex-Avantgarde wie Brecht, der längst ein moderner Klas-siker ist, einen festen Platz im Repertoire. Neben dem revolutionären Neuigkeits-anspruch zeichnet sich Avantgarde also dadurch aus, dass sie in die Zukunft hinein wirkt, historischen Einfluss auf die Ästhetik gewinnt.

Die Welt ist jedoch so komplex geworden, die Theaterstile haben sich alleine im Schauspiel so sehr in verschiedene Formen verzweigt, dass längst nicht mehr klar ist, wo vorne sein kann und wo hinten. An ein und demselben Haus existieren nebeneinander Bürgerbühnen und künstliche Dauerdrehbühnen, digital-filmische Einflüsse oder dokumentarische Textgrundlagen oder Mischformen mit Tanz, Musik und Puppenspiel. Auch sind selbstbewusste, gar egomanische Alleingänge in Zeiten von Gleichberechtigung auf allen Ebenen, von Teamarbeit als Ideal, von mehr öffentlicher Sensibilität und Transparenz in Machtfragen und angesichts zunehmend pädagogischer Arbeit der Theater nicht mehr das Maß aller Ziele. Ist die neue Avantgarde vielleicht das vermittelnde Spiel von Bürgerbühnen und offenen Gesprächsrunden im Theater?

Die beim Berliner Theatertreffen 2019, in den Feuilletons und in der Autorenumfrage der DEUTSCHEN BÜHNE (Heft 2/2019) zur Saison meistdiskutierte und gelobte Inszenierung war Christopher Rüpings Antikenbearbeitung „Dionysos Stadt“. Sie spielt antike Stücke und Motive in verschiedenen Stilen durch und vermittelt so den auch bei Theaterinteressierten immer weniger bekannten Stoff unterhaltsam und klug, aber nicht unbedingt geistesgeschichtlich ambitioniert. Die besondere Qualität der Inszenierung war das intensive Zusammenspiel im Ensemble und die behutsame Begegnung mit dem Publikum. Herausfordernd war „Dionysos Stadt“ aber allenfalls in seiner Dauer über zehn Stunden. Wenn das die neue Avantgarde ist, hat sie wenig mit der historischen Avantgarde gemeinsam, denn die wollte ohne Rücksicht auf Verluste in neue Sphären vorstoßen.

Für den Theaterwissenschaftler Christopher Balme liegt die neue Avantgarde nicht in der Ästhetik, sondern in der institutionellen Neuorientierung der Theater. Performative Formate nehmen inzwischen an fast allen Theatern einen zwar kleinen, aber festen Anteil des Repertoires ein. Wir porträtieren im Schwerpunkt die Gruppe Rimini Protokoll, die inzwischen selbst ein Klassiker geworden ist, und der ihre gute und flexible Organisation bei ihrer weltweiten Wirkung hilft. Und wir untersuchen das Werk einer anderen Performancegruppe. She She Pop hat eine Performance namens „Kanon“ im Repertoire, in der es nicht um Schiller und Shakespeare geht.

Als Pendant ist der tradierte Kanon der Werke eine Voraussetzung für Avantgarde. Denn wenn es gar keine kanonisch verbürgten Maßstäbe mehr gäbe, könnte es auch kein Auflehnen dagegen geben. Margarete Affenzeller übt in ihrem Beitrag fundamentale Kritik am traditionellen Werkkanon und weist zugleich auf Neubegegnungen mit kanonisierten Werken hin. In einem Artikel über den ewigen Werkstatistikklassenbesten William Shakespeare erläutern wir, dass ein Klassiker zu ganz unterschiedlichen Theaterformen führen kann.
 

Das Repertoire nach Corona

Der Schwerpunkt und diese Werkstatistik behandeln die letzte „volle“ Spielzeit vor der Corona-Katastrophe. Es ist klar, dass die Zahlen für die Saison 2019/20 unvergleichlich bescheidener sein werden. Die Frage ist aber auch, wie es in einer absehbar virologisch unsicheren Welt in naher Zukunft mit dem Theater weitergeht. Wirtschaftlich wird die Lage für die Theater schwieriger werden. Bedeutet das nun, dass ambitionierte Theaterkunst noch weniger Chancen hat? Oder ist genau das Gegenteil der Fall, und das Theater kann nur überleben, wenn es neue herausfordernde Formen findet? Das Theater der näheren Zukunft muss das Theater retten und dabei ansteckende Kunst bieten. Wir haben in den letzten Wochen gesehen: Theater muss nicht unbedingt sein. Aber es deutete sich vielleicht doch an, dass eine lebenswerte, humane Gesellschaft ohne das Spiel vor Publikum kaum möglich ist. Einige Antworten auf das Theater der Zukunft stecken in nuce schon in der Spielzeit 2018/19.

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