Publikum blickt aus dem Saal auf die Bühne
Leseprobe

Saisonvorschau 2023/24

aus Ausgabe 09/2023 zum Schwerpunkt »Saisonvorschau 2023/24«

Die neue Saison im Musiktheater verspricht eine solide Basis des Kernrepertoires neben Uraufführungen zu brisanten Fragen unserer Zeit: Klimakrise, Digitalisierung, Macht.

Ausgabe 09/2023

Mal ehrlich: Man muss doch nicht immer auf dem Opernrepertoire rumhacken. Warum denn pilgert das Publikum seit Hunderten von Jahren in einen relativ begrenzten Kanon? Doch nicht, weil uns die Geschichten so alltäglich sind – wir als arme Künstler uns durchs Leben schlagen wie der Dichter Rodolfo in „La bohème“, oder wir uns ständig duellieren müssen in Beziehungskonflikten und mal sehen wollen, wie Lenski und Onegin das so hinkriegen mit dem gegenseitigen Erschießen in Tschaikowskys meistgespielter Oper „Eugen Onegin“. Natürlich nicht. Es ist die Musik, diese weltentrückenden Melodien und Arien, die der Mensch, ich zumindest, braucht, um sich zu transzendieren. Auch deshalb halten viele Theater fest am Kernrepertoire von Puccini, Strauss, Bizet, Verdi und Wagner und suchen nach Neudeutungen dieser Werke.

Meckern wir also nicht über die Tatsache, dass mal wieder „La bohème“ (13 Premieren), „Carmen“ (8), „Turandot“ (7) und „Eugen Onegin“ (6) zu den meistinszenierten Opern der neuen Saison gehören (tatsächlich kommt „Die Zauberflöte“ mit fünf Premieren erst auf Platz 6), sondern freuen uns mit dem Publikum auf all die orchestralen und vokalen Glücksmomente. Doch damit ist längst nicht alles gesagt über die neue Musiktheatersaison 2023/24.

Es fehlt den Opernhäusern und -sparten nämlich durchaus nicht an Experimentierfreude und Uraufführungen, nicht an Werken, die sich auch den Krisen und Themen unserer Zeit widmen: Krieg, Umweltzerstörung, Emanzipation, Digitalisierung – all das findet sich in den Spielplänen. Und das ist in der Bandbreite schon beachtlich für eine Sparte, die nach wie vor mit ihrem Schnarchnasigkeitsimage kämpft. Wagen wir also einen Blick auf die anstehenden (uns bis August gemeldeten) 342 Opernpremieren Deutschlands:

Alte Stücke, neue Fassungen

Auch wenn Neufassungen bekannter Stoffe im Schauspiel leichter zu realisieren sind als im Musiktheater, wo neben dem Libretto die Partitur als Fundament besteht, wächst der Trend zu Opernüberschreibungen. Nachdem das Theater Chemnitz zuletzt einen kontrovers diskutierten „Freischütz“ mit zeitgenössischer Textfassung auf die Bühne gebracht hat, zeigt das Theater Hof gleich zum Saisonstart „Die Zauberflöte“ mit einer Neufassung der Dialoge, verfasst von der jungen Kleist-Förderpreisträgerin Ivana Sokola (23. 9.).

Am Theater Krefeld und Mönchengladbach knöpft man sich den Gassenhauer „Aida“ vor, plant genauer gesagt eine potenzielle Fortsetzung davon: „Aida – der fünfte Akt“ als Kammeroper in 7 Szenen von Stefan Heucke (U 3. 9.). Einen anderen Weg der Neudeutung geht Olivia Hyunsin Kim an der Staatsoper Hannover. Ihr Musiktheater „Turning Turandot“ nach Puccini will dem Werk neue Narrative abgewinnen: „Wir wollen das Stück hinterfragen und schauen, was Turandot und die Sklavin Liù im 21. Jahrhundert zu sagen hätten.“ Dazu will Arrangeur Jacopo Salvatori ein innovatives Klangbild erschaffen, „natürlich mit allen musikalischen Highlights“!

Neues von Klima, Krieg und Krisen

Jenseits der altbekannten, wie gesagt, rücken Themen der Stunde in den Fokus, vor allem im Februar, DEM Musiktheater-Uraufführungsmonat der Saison. Aber der Reihe nach: Schon Anfang September startet das Deutsche Nationaltheater mit dem Kunstfest Weimar mit einem neuen, großen Opernepos von Komponist Johannes Maria Staud und Autor Thomas Köck: „Missing in Cantu (Eure Paläste sind leer)“ in der Regie von Andrea Moses spielt im „Traum- wie Albtraumort“ Amerika mit nicht weniger als drei Handlungssträngen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dem skrupellosen Finanzsektor widmet sich die Uraufführung „The Crash“ des britischen Komponisten Russell Hepplewhite am Staatstheater Oldenburg, eine bitterböse Tragikomödie über den Bankrott der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers (U 9. 2. 24). Mit den Potenzialen und Gefahren digitaler Tools befasst sich eine Woche später das investigative Musiktheater „Beta“ von Christiane Mudra und Dariya Maminova an der Deutschen Oper Berlin (U 17. 2. 24).

Auch das Thema Klimakrise wird reflektiert: Als Auftragswerk der Oper Dortmund entsteht im Rahmen der Kooperation Junge Opern Rhein-Ruhr „Die Reise zu Planet 9“ von Pierangelo Valtinoni (U 20. 3. 24): Weil die Erde durch Klimawandel, Pandemien und Kriege nicht mehr bewohnbar ist, wird eine Reise ins Weltall zum ominösen Planeten 9 angetreten, der sich leider als schon bewohnt herausstellt. Einfach abhauen wär also keine Lösung …

Auch in Mithatcan Öcals Oper „Defekt“ (U 8. 6. 24) wollen die Protagonisten das Ödland Erde nach einer großen Katastrophe per Raumschiff verlassen – das Auftragswerk wird in Kooperation mit der Münchener Biennale für neues Musiktheater am Staatstheater Kassel uraufgeführt. Schließlich wird auch die große Choroper „Ines“ des tschechischen Komponisten Ondˇrej Adámek eine Dystopie und erzählt in Prolog und fünf Bildern von zwei jungen Liebenden in unserer Welt nach einer Atomkatastrophe (U 16. 6. 24, Oper Köln). Finanzkrise, Digitalisierung, Planetenflucht: Welche Gattung war hier noch mal schnarchnasig?

Neues von den Zeitgenossen

Auch werden in der kommenden Spielzeit neue Werke der Zeitgenossen Detlev Glanert, Hans Thomalla und Péter Eötvös zu erleben sein: An der Semperoper Dresden inszeniert Robert Carsen Detlev Glanerts „Die Jüdin von Toledo“ (U 10. 2. 24), am Nationaltheater Mannheim basiert „Dark Fall“ von Thomalla auf Motiven aus Goethes „Wahlverwandtschaften“ (U 29. 2. 24) und am Theater Regensburg wird die groteske Eötvös-Oper „Valuschka“ als Parabel über Macht und Übermacht – natürlich im Februar – uraufgeführt. Literarische Vorlagen nutzen in dieser Saison Ludger Vollmer für seine „Buddenbrooks“ (U 4. 5. 24 Theater Kiel) und Gordon Kampe für das Tanztheaterstück „Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee“ nach Erich Kästners gleichnamigem Roman in der Jungen Szene der Semperoper Dresden (15. 12. 23). Anlass hier ist der Auftakt des Kästner-Jahres zum 125. Geburtstag des Dresdner Kinderbuchautors.

Spielzeitmotti: Vom solidarischen Miteinander

Ein griffiges, philosophisch tragendes und möglichst sozial relevantes Spielzeitmotto zu finden, das auch noch alle geplanten Premieren unter einen Hut bringt: schwieriger denn je. Ist vielleicht auch deshalb aus der Mode gekommen. Einige Theater und Opernhäuser wagen es – und stellen dabei den Menschen und sein systemisches Dasein ins Zentrum; den Menschen, der nicht allein funktioniert, sondern im Zusammensein, im solidarischen Agieren.

Leitgedanke von Aachens neuer Generalintendantin Elena Tzavara und ihrem Team ist zum Beispiel die Frage: „Wer ist Europa?“. Dazu gehört auch die Öffnung des Theaterfoyers: tagsüber als Co-Working-Foyer oder Ort zum Verweilen. Auch das Staatstheater Augsburg definiert sich als Ort des Zusammenkommens und formuliert mit seinem Motto „Zwischen-Menschen“ die (Un-)Möglichkeiten des menschlichen Miteinanders. Die Deutsche Oper Berlin stellt ebenfalls den Menschen ins Zentrum ihrer neuen Saison: „An der Schwelle von Fiktion und Realität appellieren wir mit Fragen nach den Herausforderungen der Menschheit an die Urteilskraft des Einzelnen.“

Oliver Graf, Intendant des Theaters für Niedersachsen in Hildesheim, formuliert sein Vorwort im Spielzeitheft gar in FÜNF Sprachen und unterstreicht damit das Motto seines Hauses: „Für eine neue Solidarität“. Auch an den Städtischen Bühnen Osnabrück betont man mit den Schlagwörtern „GEMEINSAM, MAßLOS, TRANSKULTURELL“ die wechselnden Identitäten einer Gesellschaft. Freuen wir uns also GEMEINSAM auf eine Musiktheaterspielzeit zwischen Altbekanntem und Neuem, denn beides werden wir brauchen.