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Kunst ist Schein

Political Correctness im Theater? Helmut Schäfer und Sven Schlötcke vom Mülheimer „Theater an der Ruhr“ über die Fixierung auf Zuschauerzahlen, Authentizität auf der Bühne und das Theater in der DDR

Leseprobe aus Heft 05/2019 zum Schwerpunkt „Politisch korrekte Kunst?“.
Von Detlev Baur am 01.05.2019

Forderungen nach politisch korrektem Verhalten oder politisch korrektem Sprachgebrauch fallen in eine Zeit, die durch eine große Aufgeregtheit auf verschiedenen Seiten gekennzeichnet ist. Blinder Hass trifft da auf eine überzogene Sensibilität. Insgesamt erscheint die Gesellschaft zunehmend orientierungslos. In was für Zeiten leben wir eigentlich?

Sven Schlötcke: Für die Antwort bräuchte es mindestens 200 Seiten. Aber klar ist, dass die Welt vielleicht mehr denn je „aus den Fugen“ geraten ist. Eine Formel könnte lauten: Digitale Beschleunigung x globaler Turbokapitalismus x Klimakatastrophe = Angst = Populismus = Wanken der Demokratie. Bedrohlich ist, dass die Umwälzungen keineswegs nur die Oberfläche betreffen, sondern in das Innere von Menschen eingreifen. Der Homo digitalis ist ein anderer Mensch.   

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Helmut Schäfer: Die Öffentlichkeit hat sich vollkommen verändert. In der Polis der Antike war Öffentlichkeit die Basis der Demokratie. Dagegen haben wir es heute mit einer gespaltenen Öffentlichkeit zu tun. Es bilden sich andere Zugehörigkeiten auf Zeit. Aus Schichten sind heute Mentalitäten geworden.

 

Wie wirkt sich das im Theater aus?

Sven Schlötcke: Ibsens „Gespenster“, die gerade bei uns Premiere hatten, kennt kaum noch jemand. Es gibt keinen Kanon, keine Verständigungsbezüge mehr in Folge der Enttraditionalisierungsprozesse.

Helmut Schäfer: Ich treffe gleich im Anschluss an dieses Gespräch Frauen von verschiedenen Institutionen, die sich mit dem Thema des Missbrauchs beschäftigen. Ich reduziere also Ibsen auf einen einzelnen Aspekt, um Personen oder kleine Gruppen zu identifizieren, die sich mit einer solchen Aufführung auseinandersetzen können. Damit wir Aufmerksamkeit in der Stadt erreichen, war die Zeitung immer unser Instrument. Die Auflagen der lokalen Zeitungen sind in den letzten Jahren aber massiv zurückgegangen. Deswegen sind wir genötigt, Wege zu gehen, von denen wir früher keine Vorstellung hatten.

 

Die Zuschauer besuchen das Theater also eigentlich als eine Lobbygruppe.

Sven Schlötcke: Indem wir einen Aspekt der Inszenierung herausgreifen, gehen wir in eine bestimmte Nische hinein – genauso funktioniert ja auch die digitale Kommunikation. Es gibt keine verbindenden Gesprächsforen. Natürlich haben die sogenannten Qualitätsmedien auch immer nur eine bestimmte Nische angesprochen, die war allerdings wesentlich größer und anders zusammengesetzt. Heute trennen die Medien die Generationen, weniger die Haltungen zur Gesellschaft. Ich kenne keinen 20-Jährigen, der die Süddeutsche Zeitung regelmäßig liest.

 

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang aber das Bemühen um „Political Correctness“? Geht es darum, in all der Verunsicherung wieder Sicherheit herzustellen?

Helmut Schäfer: Genau das scheint die normative Bestimmung des Sprachgebrauchs zu schaffen. Bei der Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit fällt die Wahl immer auf die Sicherheit.

 

Was bedeuten diese Entwicklungen für Ihre Inszenierungsarbeit? Wie gehen Sie anders an ein Stück heran im Vergleich mit der Herangehensweise vor 30 Jahren?

Helmut Schäfer: Zunächst behaupte ich, dass mich diese Diskussionen nicht interessieren. Wir haben uns für letzte Saison entschieden, Heiner Müllers „Quartett“ zu machen, und waren auch noch so unanständig, das mit einem farbigen Schauspieler zu besetzen, der da aus politisch korrekter Perspektive gar nicht hineingehört. Es ist aber eine Dennoch-Entscheidung, weil ich die Einwände dagegen schon alle gedacht habe; früher hätte ich diese Gedanken vorher gar nicht gebraucht. Dazu kommt der Druck, Publikum zu gewinnen. Wir sind heute in einer Realität, die einem Satz in der „Dialektik der Aufklärung“ entspricht, wo davon die Rede ist, dass die andere Seite der Aufklärung im Triumph der Zahl gipfelt. Ich glaube, dass wir heute tatsächlich dem Triumph der Zahl ausgesetzt sind.

 

Und die Fixierung auf Zuschauerzahlen hat mit der „Political Correctness“ zu tun?

Helmut Schäfer: Man kann sich fragen, was die Folge davon ist, wenn ich Sprache wie Zahlen benutze. Eine Zahl kann falsch sein. Wenn ich die Worte auf die Ebene der Zahlen bringe und versuche, die falschen Zahlen auszumerzen, indem ich mich normativ korrekt verhalte, dann entsteht eine Rechnung. Das heißt, Sprache wird zur Rechnung, es wird am Ende „abgerechnet“. Und das schlummert in den Vorgängen der politischen Korrektheit: Dass die Worte zur Zahl und somit entbegrifflicht werden. Nicht mehr der sprachliche Prozess ist die Sache selbst, vielmehr ist alles schon definiert und umzäunt.

Sven Schlötcke: Ich bin in der DDR aufgewachsen, in der Sprache extrem normiert war. Das Theater war der Ort, die Normierung zu umgehen. Eine Legitimationsfrage gab es für uns nicht. Auch unmittelbar nach dem Fall der Mauer, als wir in Jena das Theaterhaus gegründet haben, war das Politische an der Kommunikationsmaschine Theater, dass etwas vorgeht zwischen Spielern und Zuschauern. Es gab keine Kompromisse beim Wie. Die Voraussetzungen dafür schwinden. Die gegenwärtigen Ideologisierungen und Normierungen sind aber auch eine Chance, wenn man sie benutzt.

 

Und nach dem Publikumsgeschmack haben Sie sich nicht gerichtet?

Sven Schlötcke: Den Gedanken gab es nicht. Wir sind davon ausgegangen, dass die radikale ästhetische und inhaltliche Subjektive grundsätzlich von Interesse ist und das Theater der natürliche Ort für den Austausch einer Stadtgesellschaft. Die Veränderung, die ich innerhalb weniger Jahre erlebt habe, war enorm. Zu Beginn der 1990er-Jahre waren die Studenten noch hoch politisiert, es gab ein Grundinteresse am „analogen“ Austausch. Fünf Jahre später musste man nachdenken, wie man sie erreicht.

 

Das Theater in der DDR war also auch deshalb in einer dankbaren Position, weil es gegen eine politisch korrekte Einheitsmeinung opponieren konnte?

Sven Schlötcke: Ja. Wenn das Theater gegen das politische System opponieren kann oder muss, dann werden seine Zeichen sozusagen zu Waffen. Sie werden zu einer nicht normierbaren Sprache. Dadurch gewinnt die Form natürlich eine ganz andere Relevanz. Heute wird Relevanz durch Zahlen ermittelt. Theater und Kunst sollten jedoch inkommensurabel sein, Sand im Getriebe einer konsumistischen Gesellschaft. Als Intendant eines Stadttheaters ist man aber ständig mit Zahlen und Zielvereinbarungen konfrontiert.

 

Wie war es denn bei Ihnen, als Sie im letzten Jahr „Othello“ gemacht haben? Da waren Sie doch auch mit dem Problemfeld des „Blackfacing“ konfrontiert.

Helmut Schäfer: Wir haben die Titelfigur mit einem Schwarzen besetzt. Wir kannten den Schauspieler aus einer anderen gemeinsamen Produktion. Erst aus dieser Bekanntschaft entstand überhaupt der Gedanke, „Othello“ zu machen. Andererseits sind wir dem Thema in einem Publikumsgespräch nach Arthur Millers „Die Stunde Amerikas“ begegnet. In der Inszenierung haben wir in einer Szene blackgefaced, obwohl es in dem Stück keinen Schwarzen gibt – und darüber hat sich ein junger Zuschauer unfassbar aufgeregt. Er war nicht zu beruhigen, und ihn interessierte nichts anderes. Dabei war es in der Inszenierung eher eine Fußnote. Eine Diskussion war nicht möglich.

Sven Schlötcke: Bei der Frage um Blackfacing findet, wie bei allen Fragen, die ideologisiert werden, keine wirkliche Auseinandersetzung mehr statt. Sondern nur noch die Konfrontation von „Gesinnungen“. Es ist aber vollkommen absurd, einer Kunstform, die auf der Erfindung und Nutzung von Zeichen basiert, zu sagen: Ich kann einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe gar nicht mehr darstellen. Es ist doch verrückt, dass wir als Zeichenproduktionsmaschine unserer ureigensten Mittel beraubt werden.

Helmut Schäfer: Ich möchte das noch mit dem Begriff des Authentischen zuspitzen. Dieser Begriff verlangt ja, dass ein Schwarzer als Schwarzer auftritt. Es gibt auch die Auffassung, dass das Authentische im Laientum bestünde. Das übersieht aber, dass das Theater mit dem Schein arbeitet.

 

Deswegen ist Authentizität auf der Bühne eine Illusion.

Helmut Schäfer: Das ist eine massive Lüge. Und die hat mit der politischen Korrektheit zu tun. Wir legen qua Norm fest, was relevant ist und was nicht. Der Quatsch fängt an, wenn gesagt wird: Ich glaube einem Schauspieler nicht, der Wallenstein spielt. Der Schein ist aber das größte Argument der Kunst. Wenn ich das abschaffe, schaffe ich die Kunst ab. Das Authentische will keine Kunst sein. Wenn ich mit Jugendlichen über Theater spreche, habe ich im Grunde ein Argument für das Theater: Ihr macht die Erfahrung, dass ihr eine Rolle abgeben könnt; das könnt ihr in der Realität nicht. Da seid ihr in Familie, in der Klasse und anderen Gruppen auf eine Rolle fixiert, und die werdet ihr nicht los. Die positive, fast emanzipatorische Erfahrung im Theater ist: Ich spiele etwas und kann mich davon auch wieder absetzen.

 

Wie halten Sie es denn mit sprachlichem Gendern?

Sven Schlötcke: Dass unsere Sprache aus Unsicherheit über den richtigen Ausdruck angstbesetzt wird, ist schon eine Schwierigkeit. Ob die Sternchen bei Künstler*innen wichtig sind, kann man im Moment noch gar nicht sagen. Natürlich fördert der veränderte Sprachgebrauch ein Nachdenken, hat also auch positive Aspekte. Aber in dem Moment, wo es zur dogmatischen Norm wird, wo jemand ins Abseits gerät, weil er sich im Wort vertut, fängt es an, reaktionär zu werden.   

 

Die Kunst und die Narrenfreiheit sind bedroht durch „Political Correctness“. Wie kann das Theater damit konkret umgehen? Muss es in der alltäglichen Arbeit nicht trotzdem respektvoll und achtsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen?

Sven Schlötcke: Die innere Verfasstheit der Theater ist eine andere Frage als die Folgen für die Kunst. Früher hatte das Theater an der Ruhr viele Menschen aus anderen Ländern im Ensemble – man könnte auch Ausländer sagen, aber dann ist man heute schon fast ein Nationalist. Das Ensemble war Resultat eines ganz natürlichen Prozesses, Resultat der künstlerischen Begegnungen auf Reisen in die Welt. Wenn ich sage, lass uns das konstruieren, wir basteln das – das ist ja in der Diskussion, dass wir in den Ensembles die Bevölkerungsstruktur abbilden –, so ist das politisch nachvollziehbar und gleichzeitig arithmetische Normierung. Roberto Ciulli und Helmut Schäfer kannten mich, und ich war zufällig keine Frau. Und jetzt hat das Theater an der Ruhr eben drei Typen in der Theaterleitung. Trotzdem muss natürlich das Ziel der Gleichberechtigung entschieden verfolgt werden. Aber ängstlicher Konformismus darf nicht dabei herauskommen. Kunst lebt von Zufall und Begegnung. Zu viele Planzahlen sind hinderlich.

 

Das Theater Hannover sucht zurzeit einen Agenten für Diversität. Das ist zwar ehrenhaft, man fragt sich aber in solch einem Fall: Sollte man nicht in einer Gruppe wie einem Theater eher nach Gemeinsamkeiten suchen, anstatt die Segmentierung weiterzutreiben?

Helmut Schäfer: Da wird in gewisser Weise ja ein Polizist gesucht. Zugleich ist es ein Ohnmachtsbekenntnis, es alleine nicht zu schaffen. So wie Frau von der Leyen für alles Berater braucht, nun auch das Theater, damit es den Parcours besteht, der durch politische Korrektheit entsteht. Das ist ja auch nicht alles doof: dass man aufmerksam darauf wird, auf den Sprachgebrauch zu achten, dass wir bestimmte Dinge vermitteln, deren wir uns nicht bewusst sind. Dass daraus eine Sprachpolizei geworden ist, die man nun engagieren muss, um den Parcours der aufgestellten Hürden umreiten zu können, zeigt jedoch die ganze Verkehrung.

Sven Schlötcke: Positiv beschrieben könnte man ja sagen: Da ist etwas angekommen. Das Stadttheater ist in der Binnenkultur eher feudalistisch organisiert und hinkt weit hinter den Entwicklungen der Gesellschaft zurück. Die Frage ist aber, ob eine Quote oder eine Diversitätspolizei die richtigen Instrumente sind, das zu ändern.

 

Das „Theater an der Ruhr“ war ja politisch immer engagiert und aufmerksam, in gewisser Weise also politisch korrekt. Früher war das Roma-Theater „Pralipe“ assoziiert, auf den ersten Blick ein Vorzeigeprojekt in „Political Correctness“. Was ist die Geschichte dahinter?

Helmut Schäfer: Wir kannten das Theater aus Jugoslawien. Als der Bürgerkrieg dort begann, wären viele Mitglieder des Ensembles eingezogen worden, und damit wäre das Theater weg gewesen. Wir haben sie im Zusammenspiel mit dem Kultusministerium in Düsseldorf aus Serbien herausgeholt und hier platziert. Das Faszinierende an dem Roma-Theater war, dass es aufgrund seiner Sprache, die kaum jemand versteht, eine andere Form gefunden hat, eine Bildsprache, um die Dinge sehr klar und deutlich zu vermitteln. Ich erinnere mich an „Bluthochzeit“ oder „Othello“ – ohne Blackfacing; das waren beachtliche Aufführungen. Es gab für uns also einen politischen, einen menschlichen und einen künstlerischen Grund, dieses Theater zu holen.

Sven Schlötcke: Das Projekt ist ganz natürlich aus der internationalen Arbeit erwachsen und war nicht eine geplante politisch korrekte Tat. Ähnlich betreiben wir seit 2012, lange vor der sogenannten Flüchtlingskrise, mit Ruhrorter ein Projekt mit jungen Geflüchteten. Und wir geben syrischen Künstlern die Möglichkeit, sich hier künstlerisch zu betätigen, ohne dass wir uns inhaltlich einmischen.

 

Profitieren Sie auf anderen Ebenen von internationaler Zusammenarbeit?

Helmut Schäfer: Heute nicht mehr. In Zeiten, wo mit Einkaufskörben internationales Theater eingekauft wird, suchen wir andere Formen der Zusammenarbeit.

Sven Schlötcke: Wir wollen uns in naher Zukunft zum Beispiel auf das großartige italienische Kollektiv Anagoor fokussieren, um zu einem echten Austausch zu kommen.

 

Wie lautet Ihr Resümee zu Sinn und Unsinn von „Political Correctness“ im Theater?

Sven Schlötcke: Die ganze Frage ist, wie Sie eingangs sagten, sehr komplex und dialektisch. Es gibt darauf keine absolute Antwort. Natürlich muss man fragen: Stimmt die innere Verfasstheit in Bezug auf Frauen, auf Menschen mit anderem Hintergrund und so weiter? Das kann sensibilisieren, es kann aber auch zu einer normativen Verengung führen. In dieser Dialektik befindet sich die ganze Diskussion. In den letzten Jahrzehnten ist in vergleichsweise kurzer Zeit nicht nur im Genderdiskurs sehr viel in Bewegung gekommen. Die Debatten werden offener und entschiedener geführt. Wenn ich das aber normativ oder ideologisch zuspitze, kann es den Prozess behindern. Der Osten ist an falscher Ideologisierung gescheitert wie die Linke im Westen. Es ist eine furchtbare Erfahrung, wenn das möglicherweise Richtige so verengt wird, dass es sich in das Gegenteil verkehrt.

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