Foto: Ensemble und Robodog © Tobias Kruse
Text:Martina Jacobi, am 28. Februar 2026
Am Schauspiel Hannover eröffnen De Warme Winkel nach Shakespeares Vorlage „Hamlet“ ein Theater-Roboteruniversum. Das beeindruckend seelenlos spielende Ensemble und die Frage nach Realität und Empathie bieten großen Unterhaltungswert.
„Danke fürs Sterben, wir brauchen Sie nicht mehr“, bedankt sich Schauspielerin Anne Stein bei drei Zuschauern. Sie wurden auf die Bühne gebeten, um die Vergiftung von Königin und König nachzuspielen. Stein spricht und bewegt sich mechanisch wie ein Roboter, ihre Stimme klingt verzerrt. Sieht so die Zukunft der Menschen aus? Wie verändert sich das Verhältnis Mensch-Maschine?
Die Uraufführung „Hamlet: R2D2 or not 2B2“ des niederländischen Theaterkollektivs De Warme Winkel hat wenig mit „Star Wars“ zu tun. Außer dass das gesamte Ensemble die Figuren wie Roboter spielt – R2-D2, das ist Produzent George Lucas fiktive Roboterfigur aus der Filmreihe. Was also, wenn Shakespeares Hamlet, dem Königspaar, Ophelia und allen anderen Figuren, ihren Rachegelüsten und Zweifeln eine maschinelle Logik gegenübersteht?
Fragen nach einem maschinellen Unbewussten stecken schon in William Shakespeares Original. Und sie schwingen spätestens seit Heiner Müllers „Die Hamletmaschine“ stark im Stückdiskurs mit. Wieviel ist auferlegte Rolle? Wieviel freies Handeln? Und mit einer immer weiter entwickelten KI ist die Maschine kein Geist der Vergangenheit, aber der Zukunft.
Theater übers Theater
De Warme Winkel macht daraus ein unterhaltsames Theater übers Theater, indem die Schauspieler:innen wie in einer Audiodeskription der Regieanweisungen ihr eigenes Handeln kommentieren. Den Kopf in die Hand stützen, nach unten gucken. Das zeugt von der tiefen Verzweiflung, in der sich der dänische Prinz Hamlet durch den Mord an seinem Vater und der Beziehung der Mutter zum mutmaßlichen Mörder befindet. Natürlich ist er schwarz angezogen (Kostüme: Ginta Tinte Vasermane), ein Zeichen der tiefen inneren Zerrissenheit. Oder Stein, die vermehrt quer über die Bühne läuft und sagt: „I like to go to the theatre once in a while, it keeps the doctor away.“ Es ist mehr ein abstrakter Außenblick auf das eigene Verhalten, als dass die Handlung stringent dem Original folgt.
Die Art, wie das Ensemble in den anderthalb Stunden in starren Posen verharrt, in gleichförmigen Schritten über die Bühne gleitet und monoton spricht, ist beeindruckend konsequent, seelenlos und unterhaltsam absurd. Inklusive Hamlets bestem Freund Horatio als Robodog, der ihm mit einigen technischen Kunststückchen wie Männchen machen oder mit Hamlet gleichzeitig hopsen nicht von der Seite weicht. Die Mehrsprachigkeit des Abends – hauptsächlich Koreanisch, Niederländisch, Deutsch und Englisch – tut dem Verständnis der Handlung wenig Abbruch.

Ensemble und Robodog. Foto: Tobias Kruse
Noch vor geschlossenem Vorhang präsentiert Byeongsu Lim als Wissenschaftler auf Koreanisch stolz die neueste Version eines Humanoiden. Was zu Beginn noch lustig ist – stockendes Gurke schneiden, einen Nagel in ein Brett schlagen –, schlägt bald um. Er zieht der den Roboter spielenden Rosie Sommers den Pullover vom nackten Oberkörper, kommentiert fachkundig ihre Brüste und ihren Körper. Projizierte Vorstellungen von Körperbildern sind in der Technik längst angekommen, ein Formen vom perfekten und vor allem folgsamen Körper eine naheliegende aus tausend Möglichkeiten. Gerade auf weibliche Rollenzuschreibungen und Projektionen legt De Warme Winkel einen Fokus. Auf die gesellschaftlich konstruierte Realität und auch Sexualisierung von Identitäten.
Theater-Mensch-Maschine
Die Bühne (Theun Mosk) ist ein Foyer oder Vestibül mit einem Treppenaufgang im Zentrum, von dem sich Ophelia wiederholt in den Tod stürzt. Ein selbstspielendes Klavier fährt über die Bühne und sorgt für atmosphärische Hintergrundmusik. Halb in Ritterrüstung, halb in futuristischen Kostümen wechseln Marieke De Zwaan, Nikolaj Salzwedell (anstatt krankheitshalber ausgefallem Michael Lippold), Meryem Öz, Kilian Ponert, Sommers, Stein und Ward Weemhoff von „Hamlet“-Rollen zu kommentierenden Robotern. „Der Schauspieler ist ein Übermensch“, Schauspielen sei „eine Meisterschaft über Körper und Geist“, heißt es im Text. Die Kombination Theater-Mensch-Maschine geht hier gut und charmant auf.
Auch die Einordnung von Theater als Empathie-Ort ist zentral. Eine Empathie, die in Rollenzuschreibungen in Theater und Realität immer mehr verloren geht? Perversion und Lust, Schmerz spüren und Poesie kreieren, macht nicht das ein Leben aus? Mit Unterhaltung und gelingendem Realitäts-Bruch stellt De Warme Winkel genau das zur Frage. Ob grausiges Sterbe-Spektakel zum Schluss von „Hamlet“ oder Entmenschlichung durch Technik. Am Ende alle tot?