Der über 1000 Seiten lange, vielstimmige Text steckt voll spannender Figuren und Geschichten und wirkt dabei zunächst wie eine Chronik aus vergangener Zeit. Die Textfassung von Jaroslaw Murawski bietet ein Kaleidoskop der zentralen Figuren und bleibt dabei eng an der Chronologie der Geschehnisse. Auf einer Drehbühne (Bühne: Mirek Kaczmarek) sind Säulenfragmente und eine Art schräger Laufsteg zu sehen, im zweiten Teil der dreieinhalbstündigen Inszenierung sind die Akteure zwischen drei riesigen Betonklötzen (das Berliner Holocaust-Denkmal?) eingezwängt. Die Kostüme (Julia Kornacka) und Frisuren zeigen teils stilisierte Figuren, vermischen aber auch etwas unschlüssig Modernes (Turnschuhe) mit angedeutet Historischem. In teils choreographierten Gruppenszenen wird das historische Umfeld – am Wiener Kaiserhof, beim Bischof in Polen oder in der Kommune von Franks Gruppe – illustriert, ohne dass ein roter Faden erkennbar würde (Choreographie: Dominika Knapik, Musik: Jan Dusziniski, Songkomposition: Mariana Sadovska). André Szymanski überzeugt als charmanter und dickköpfiger Alfa-Mann, erhält jedoch wie seine Mitspielerinnen und Mitspieler im großen Ensemble (insgesamt 13 Personen) wenig Gelegenheit über die Informationen zum Fortgang der Geschehnisse hinaus auf der Bühne Schicksale und Situationen zu entwickeln, die hier und jetzt Interesse erwecken. Wenn Szymanski im (einseitigen) improvisierten Gespräch mit einem Mann im Publikum die Überzeugungskraft des Jakob Frank szenisch erfahrbar macht, ist das wesentlich spannender als die meisten anderen Szenen. Auch im Zusammenspiel mit Rosa Thormeyer als seine Tochter am Ende, wenn er ihr wider besseres Wissen und jenseits seines möglichen Wissensstandes über seine Zukunft ihre Lage schönredet, entsteht jenseits der dialogischen Verteilung der Romanpartien eine Reibung mit der Chronologie Tokarczuks, von der die Textfassung wie die Inszenierung viel mehr hätten vertragen können. So aber bleibt in dieser Inszenierung von „Die Jakobsbücher“ Jirka Zett als Frank-Chronist Nachman vielleicht die zentrale Figur, indem er in sein Buch hinein Franks Leben „vorschreibt“.
