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Vorgeschrieben

Nach Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Thalia Theater
Regie: Ewelina Marciniak   Foto: Krafft Angerer 
Von Detlev Baur am 20.09.2021

Olga Tokarczuks Roman „Die Jakobsbücher“ ist ein enormes Kompendium: im Zentrum steht die historische Figur des Religionsführers Jakob Frank, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts im polnischen Reich eine Gruppe jüdischer Gläubiger anführte; der charismatische und geistig flexible Machtmensch suchte den Konflikt mit dem orthodoxen Judentum; auch erprobte der vermeintliche neue Messias mit seiner sektenähnlichen Gruppe in jeder Beziehung freie Lebensformen; er trat zum Islam über und ließ sich später mit seinen Anhängern katholisch taufen. Die Nobelpreisträgerin beschreibt schillernde Figuren und entwirft, eng an den historischen Quellen, ein anschauliches und komplexes Porträt der jüdischen Minderheit in bewegter Zeit.

Gegen Ende seines abenteuerlichen Lebens – und hier setzt die Inszenierung am Thalia Theater ein – beeindruckte Frank am Wiener Hof Maria Theresia, während seine Tochter mit dem Kaiser flirtete. Sein von evangelischen Fürsten ermöglichter letzter Wechsel als Baron nach Offenbach spielt in der Inszenierung dann gar keine Rolle mehr. Insgesamt jedoch fühlt sich Regisseurin Ewelina Marciniak, die vor zwei Jahren mit „Der Boxer“ einen anderen zeitgenössischen Roman aus ihrem Heimatland sehr überzeugend auf die Bühne gebracht hat (und dafür mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet worden ist), der Textvorlage wohl zu stark verpflichtet.

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Der über 1000 Seiten lange, vielstimmige Text steckt voll spannender Figuren und Geschichten und wirkt dabei zunächst wie eine Chronik aus vergangener Zeit. Die Textfassung von Jaroslaw Murawski bietet ein Kaleidoskop der zentralen Figuren und bleibt dabei eng an der Chronologie der Geschehnisse. Auf einer Drehbühne (Bühne: Mirek Kaczmarek) sind Säulenfragmente und eine Art schräger Laufsteg zu sehen, im zweiten Teil der dreieinhalbstündigen Inszenierung sind die Akteure zwischen drei riesigen Betonklötzen (das Berliner Holocaust-Denkmal?) eingezwängt. Die Kostüme (Julia Kornacka) und Frisuren zeigen teils stilisierte Figuren, vermischen aber auch etwas unschlüssig Modernes (Turnschuhe) mit angedeutet Historischem. In teils choreographierten Gruppenszenen wird das historische Umfeld – am Wiener Kaiserhof, beim Bischof in Polen oder in der Kommune von Franks Gruppe – illustriert, ohne dass ein roter Faden erkennbar würde (Choreographie: Dominika Knapik, Musik: Jan Dusziniski, Songkomposition: Mariana Sadovska). André Szymanski überzeugt als charmanter und dickköpfiger Alfa-Mann, erhält jedoch wie seine Mitspielerinnen und Mitspieler im großen Ensemble (insgesamt 13 Personen) wenig Gelegenheit über die Informationen zum Fortgang der Geschehnisse hinaus auf der Bühne Schicksale und Situationen zu entwickeln, die hier und jetzt Interesse erwecken. Wenn Szymanski im (einseitigen) improvisierten Gespräch mit einem Mann im Publikum die Überzeugungskraft des Jakob Frank szenisch erfahrbar macht, ist das wesentlich spannender als die meisten anderen Szenen. Auch im Zusammenspiel mit Rosa Thormeyer als seine Tochter am Ende, wenn er ihr wider besseres Wissen und jenseits seines möglichen Wissensstandes über seine Zukunft ihre Lage schönredet, entsteht jenseits der dialogischen Verteilung der Romanpartien eine Reibung mit der Chronologie Tokarczuks, von der die Textfassung wie die Inszenierung viel mehr hätten vertragen können. So aber bleibt in dieser Inszenierung von „Die Jakobsbücher“ Jirka Zett als Frank-Chronist Nachman vielleicht die zentrale Figur, indem er in sein Buch hinein Franks Leben „vorschreibt“.

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