Zu sehen sind zwei Tänzer:innen des Hessischen Staatsballetts unter einer großen, reflektierenden Skulptur.

Übung in Hören und Sehen

Chen-Wei Lee / Zoltán Vakulya: Become Ocean

Theater:Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Premiere:12.04.2026Musikalische Leitung:Alejandro JassánKomponist(in):John Luther Adams

Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden verlangt „Become Ocean“ erst einmal genaues Hören. John Luther Adams’ vielfach ausgezeichnete Orchesterkomposition übersetzt Wellen und Kontinuität in eine weit ausgreifende Klangbewegung. Das Choreografie-Duo LEE\VAKULYA fordert Geduld und das Hessische Staatsballett belohnt mit starken Bildern.

Der Abend beginnt im Dunkeln. Was sich später auf der Bühne abspielt, bleibt zunächst durch den großen Vorhang verdeckt. Aus dem Off wächst, von Fanny Thollot gestaltet, ein leiser Klangraum heran, der die Wahrnehmung zunächst auf die tonale Ebene lenkt und das Hören schärft, bevor das Auge nach Bildern sucht.

Dass die Neukreation „Become Ocean“ als gemeinsame Auftragsarbeit mit dem National Theater and Concert Hall in Taipeh entstanden ist, passt dabei durchaus zum Zugriff des Abends: Nicht das schnelle Bild steht am Anfang, sondern eine Konzentration, die sich aus dem Klang entwickelt. Dass der Vorhang den Bühnenraum nicht sofort freigibt, ist eine kluge Entscheidung. Der Abend zwingt das Publikum dadurch, sich erst einmal auf die Musik einzulassen.

Zu sehen ist das Ensemble des Hessischen Staatsballetts.

Das Ensemble des Hessischen Staatsballetts in „Become Ocean“ von LEE\VAKULYA. Foto: Andreas Etter

Langsam in die Wahrnehmung

Choreografin Chen-Wei Lee und Choreograf Zoltán Vakulya, die seit 2016 als Duo auftreten, zeigen in Wiesbaden eine Choreografie, die John Luther Adams’ 2013 uraufgeführtes, später mit dem Pulitzer-Preis und einem Grammy ausgezeichnetes Orchesterwerk nicht bebildert, sondern dessen Spannungsaufbau und Strömungen tänzerisch authentisch aufnimmt.

Dass Adams den Titel einem Mesostichon von John Cage entlehnt, ist mehr als ein Verweis. Wie die Komposition selbst erzählt auch dieser Tanzabend keine Geschichte, sondern gewinnt seine Wirkung aus Klang, Dauer und Bewegung. Die oft als Meditation über Tiefe, Zirkularität und Klimakrise gelesene Musik gibt dabei die Richtung vor. Man muss sich auf ihre Langsamkeit einlassen.

Wenn sich der Bühnenraum öffnet, hebt sich über die Szene zunächst ein großer, silbrig reflektierender Körper von Yoko Seyama, der an einen Netztrichter erinnert. Erst darunter wird das zwölfköpfige Ensemble des Hessischen Staatsballetts sichtbar. Tanz und Musik stehen dabei nicht in Konkurrenz, sondern bauen gemeinsam eine Wahrnehmung auf, die sich langsam verdichtet.

Zu sehen ist das Ensemble des Hessischen Staatsballetts zwischen Lichtreflexionen.

Das Ensemble des Hessischen Staatsballetts. Foto: Andreas Etter

Joanne Shyues Lichtdesign macht daraus kein bloß schönes Objekt, sondern eine mitspielende Instanz. Reflexionen wandern über Boden und Raum, wie Licht, das von Wellen gebrochen und weitergetragen wird. Dazu kommen Damur Huangs Kostüme in dunklen Blau- und Grautönen mit violetten Akzenten, durchlässig, funktional, ohne die Körper zu neutralisieren.

Das Orchester als Landschaft

Ein großer Gewinn ist, dass das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter Alejandro Jassán nicht im Graben verschwindet. Hinter einem großen Tuch, das zugleich Projektionsfläche wird, zeichnet sich nach und nach die enorme Besetzung ab. Rund sechzig Musiker:innen wurden auf der Hinterbühne platziert, darunter auch zwei Harfen. Gerade in einem zeitgenössischen Tanzabend, der den Bühnenraum nicht leer räumt, sondern auch optisch musikalisch auflädt, entsteht so eine eigene Spannung. Wer den Abend eher analytisch lesen möchte, kann das einstündige Stück als vier etwa fünfzehnminütige Strömungen lesen.

Im ersten Viertel wird ausschließlich ein vorsichtiger Ansatz mit langsamen Vor- und Rückbewegungen, weichen Oberkörpern, fast kreisenden Verschiebungen verfolgt. Daran schließt mehr Unruhe an, abruptere Richtungswechsel, schnellere Verdichtungen, die nicht mehr nur die Oberfläche, sondern eher die Tiefe des versinnbildlichten Ozeans aufrufen. Das zeigt sich nicht nur im Klang, wenn die Harfen stärkere tonale Akzente setzen, sondern auch in der Bewegung, die nun stärker zwischen Boden und Höhe arbeitet.

Im dritten Viertel kippt die Arbeit stärker ins Kollektive. Die Gruppe knäuelt sich enger zusammen, hält sich, löst sich, bildet Linien, die kurz wie eine klare Formation wirken und gleich wieder in Fluss geraten. Gerade darin liegt die Qualität der Choreografie. Sie behauptet keine lose Naturphilosophie, sondern übersetzt Zustände.

Zu sehen sind zwei Tänzer:innen, die sich aneinander festhalten und drehen auf Reflexionen von Licht.

Benjamin Wilson und Sayaka Kado in „Become Ocean“ von LEE\VAKULYA. Foto: Andreas Etter

Zyklus statt Pointe

Im letzten Teil leert sich der Bühnenraum kurz; nach den kollektiven Verdichtungen zuvor löst sich das Geschehen noch einmal, bevor das bislang fast durchgehend präsente Ensemble verschwindet, versammelt zurückkehrt und Bewegungen vom Anfang wieder aufgreift. Das Licht wird kühler und die Musik findet in ihren frühen, beinahe dröhnenden Klangteppich zurück. So schließt „Become Ocean“ nicht mit Pointe, sondern mit Rückkehr. Das ist konsequent und zugleich herausfordernd: Wer sich auf die Musik und ihre langen Entwicklungen nicht einlassen will, mag den Abend als lang empfinden. Wer es tut, erlebt gerade in dieser Rückkehr seinen Reiz.

Neu ist das Thema Natur und Körper sicher nicht, aber LEE\VAKULYA geben ihm Struktur. Darin zeigt sich erneut Bruno Heynderickx’ Handschrift als Ballettdirektor. Er kuratiert nicht auf Effekt, sondern mit Sinn für Ensemble, Raum und Timing. „Become Ocean“ ist dafür abermals ein starkes Beispiel.