Dass die Company noch im Kibbutz lebt und arbeitet, ist spürbar: In beinahe allen Szenen agiert die gesamte Gruppe, auf der gesamten Bühne verteilt. Es mag zunächst etwas unübersichtlich sein, aber es ist eben ein sehr gemeinschaftliches Werk. Einzelne Tänzer treten für kurze Soli aus dem Ensemble hervor, doch Hierarchen werden nicht deutlich. Rami Be’er möchte seine Werke nicht unbedingt „israelisch“ verstanden wissen, und tatsächlich sind die Lebensstationen, die „Lullaby for Bach“ zeigt, fast universell anwendbar, sowohl was den Ort als auch die Zeit des Geschehens betrifft. Gleichzeitig ermöglicht das Stück aber diese israelische Lesart: Zwischen den Bewegungen schimmert eine Kritik an den Zuständen hervor, wenn die Tänzer wie in der Armee salutieren, so ist der Gedanke an die israelische Wehrpflicht schnell assoziiert. Zudem deuten die Tänzer folkoristische Tänze an, eine Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne symbolisierend.
Gleichzeitig ist die Perspektive in die Geschichte oder die Zukunft, in das Überzeitliche also, jederzeit möglich und mitgedacht: Im letzten Drittel betreten zwei Götter mit weißen Flügeln und Perücken das Geschehen, werden zwar durch ihre affektierten Bewegungen ironisiert, lachen dann aber laut über die anderen. Anschließend stehen die übrigen Tänzer kurzzeitig in bunten historischen Kostümen auf die Bühne, Narren neben Königinnen. Die Menschen, die ihre Fehler Generation für Generation wiederholen, könnten den Göttern ein Anlass zum Lachen sein. Zum Schluss kriechen die Tänzer wieder zurück, kriechend und gebückt. Es ist das Lebensende und der Anfang. Wo die einen gehen, kommen die anderen – das Schlaflied indes bleibt.
Die Vielfältigkeit der Lesarten, die Kontraste zwischen Humor und Angst, zwischen Verspieltheit und Wut, und dazu der dauerpräsente Wunsch nach Frieden schenken der Choreographie eine starke Anziehungskraft, ebenso wie die beeindruckend gemeinschaftlich agierenden 18 Tänzer. Frieden ist auch das Leitthema der diesjährigen Movimentos-Festwochen, und es ist eine besondere Ehre, dass die israelische Tanzgruppe dieses Werk in Deutschland erarbeitet hat. Die verstörenden Momente neben den ausgelassenen Harmonien erzeugen eine Spannung, die das Publikum im alten Wolfsburger Kraftwerk auch an diesem vierten Aufführungsabend, der wie die vorigen bis auf wenige Plätze ausverkauft war, mit langem Applaus und stehenden Ovationen würdigte.
